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Experiment

„Der Mensch erscheint im Holozän“ am Deutschen Theater

Verteidigung des Nutzlosen: Der junge Regisseur Thom Luz ist ziemlich eigensinnig. Jetzt inszeniert er am Deutschen Theater „Der Mensch erscheint im Holozän“

zeniert er  am Deutschen Theater
Foto: Arno Declair

Max Frischs späte Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän“ von 1979 ist nicht unbedingt das, was man aufstrebenden jungen Theaterregisseuren als karrierefördernde Stoffwahl ans Herz legen würde. Hip, aktuell oder unmittelbar zeitkritisch ist hier gar nichts: Ein depressiver alter Mann sitzt in seinem abgelegen Haus in einem Bergdorf im Tessin. Es regnet, der Strom fällt aus, er grübelt und blättert in alten Zeitungen oder macht lange Listen, zum Beispiel von den Geräuschen des Tages oder von seinen Essensvorräten. Er beobachtet das Wetter und er beobachtet sich selbst, nüchtern, genau und ziemlich lakonisch. Sonst passiert nicht viel. Manchmal hat er Angst, dass sein Gedächtnis immer löchriger wird, auch das registriert er einigermaßen illusionslos.

Theatralisch ergiebig wirkt das nicht unbedingt, zumindest nicht, wenn man vom Theater Konflikte, dramatische Zuspitzung oder Handlungsspannung erwartet. Vielleicht war genau das für den jungen Schweizer Regisseur Thom Luz, Jahrgang 1982, einer der Gründe, für sein Berlin-Debüt am Deutschen Theater dieses vergrübelten Stücks Prosa zu bearbeiten. Luz liest Frischs Text als Beschreibung einer langsamen Auflösung: „Es geht um eine sich langsam anbahnende Katastrophe. Aber der Erzählton bleibt stoisch, präzise, das gefällt mir.“ Auch dass der spröde Text so gar nicht in die aktuelle Debatten-Großwetterlage passt, stört Luz nicht, im Gegenteil. „Man muss sich ja nicht so sehr an die Gegenwart anbiedern“, findet der junge Mann. Und weil er Schweizer ist, sagt er das natürlich höflich und nicht irgendwie aggressiv oder polemisch, sondern so selbstverständlich wie jemand, der gerade darüber nachdenkt, was ihn in der Kunst, in der er unterwegs ist, so interessiert und was nicht. Für Parolen und Kommentare zur Weltlage fühlt er sich jedenfalls nicht zuständig. Offenbar interessiert ihn das Theater nicht so sehr als Konfliktarena oder Politikersatzschauplatz. In seinen Inszenierungen geht es um etwas anderes – zum Beispiel um Atmosphären und Zeichen, die sich nicht sofort dechiffrieren und in gängige Bedeutungen übersetzen lassen. Theater ist für ihn erstmal ein  „Raum der gesteigerten Aufmerksamkeit“, sagt Thom Luz. Die Bühne als Entdeckungs- oder Verführungsangebot der Sinne. Schließlich gebe es andernorts genug Medien, die auf sofortige, möglichst umstandlose Verständlichkeit zielen, findet der Regisseur. Im Gespräch ist Luz angenehm unprätentiös und direkt, kein Selbstdarsteller, eher einer, der über seine Arbeit spricht und darüber, wie sie für ihn funktioniert: „Mich interessieren Systeme, die man nicht sofort versteht, die aber ihre eigene Logik haben. Man weiß nicht sofort, in was für eine Geschichte man geraten ist. Ich möchte den Zuschauern nicht vorschreiben, was sie sehen oder denken sollen.“

Spätestens seit er 2015 mit seiner eigenwilligen, in einem Treppenhaus angesiedelten Inszenierung von Judith Schalanskys poetisch verschrobenem „Atlas der abgelegenen Inseln“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, gilt er als interessantes Talent mit einer unverkennbar eigenen Sprache. Er hat seine Ästhetik, ähnlich wie sein Landsmann Christoph Marthaler (mit dessen Arbeiten seine Inszenierungen mit ihrem Hang zu Langsamkeit, Musik und Sinnfreiheit gerne verglichen werden) vor der Karriere im Stadt- und Staatstheater mit Projekten in der Freien Szene entwickelt. In der will er trotz des Erfolgs auf den großen Bühnen weiter arbeiten: „Da komme ich her.“ Bei seinem „Atlas“, einer Produktion des Staatstheaters Hannover, zogen zarte Musikfragmente und Berichte von den fiktiven Inseln in schöner Rätselhaftigkeit am Zuschauer vorbei – Theater, das sich seine eigene Welt schafft, statt die Probleme der alltagsempirisch vertrauten Wirklichkeit neu durchzudeklinieren. Das gilt erst recht über seine Basler Inszenierung „LSD. Mein Sorgenkind“, eine Hommage an den Chemiker Albert Hofmann, der als Chemiker eines Basler Konzerns eher zufällig das LSD erfunden und später zusammen mit Ernst Jünger gepflegt Zeug fürs Trips eingeworfen hat. Luz’ Formel vom Theater als Ort „gesteigerter Aufmerksamkeit“ passt natürlich bestens zu drogeninduzierten Erfahrungswelten mit ihren weit geöffneten Pforten der Wahrnehmung.

Und weil es um Wahrnehmung geht, merkt man den Arbeiten von Thom Luz auch die Freude am Spiel und am Rumexperimentieren mit alle möglichen Reizquellen an: Nebel, Licht, Geräusche, Klänge aller Art. „Wenn etwas nicht zum Klangerzeugen taugt, hat es auf meiner Bühne nichts verloren“, ist so einer seiner typischen Sätze. Natürlich kann man das alles etwas eskapistisch finden. Aber gegen den weit verbreiteten Wunsch, Theater mit Bedeutungshuberei oder Sozialarbeit zu verwechseln, will Luz seine Arbeit ganz gerne als „Verteidigung des Nutzlosen“ verstehen – und das ist ja erstens nicht das schlechteste und zweitens in einer Gesellschaft, in der jeder sich dauernd selbstoptimiert und funktionieren will und alles auf seine Verwertbarkeit hin geprüft wird, schon wieder sanft subversiv.

Deutsches Theater Fr 23., Sa 24.9., 19.30 Uhr, Eintritt 5-48, erm. 9 €

https://www.tip-berlin.de/event/buehne-schauspiel/der-mensch-erscheint-im-holozaen/

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