Theater

Der Menschenfeind im DT-Kammerspiele

MenschenfeindDas erfrischend misanthropische Urteil des „Menschenfeindes“ Alceste (Jörg Pose) wäre in diesem Fall nicht nötig gewesen: Ohnehin erkennt jeder Zuschauer, dass der gockel­haft vor sich hin dilettierende Au­tor Oronte (Alexander Simon), dessen Gesicht in Großaufnahme über die rechte Leinwand flimmert, eine poe­tische Komplettbeleidigung ist. Einer, der beim Deklamieren in Bröck­chen die eingespeichelten Reste eines Kä­se­brotes von sich gibt, bringt auch keine akzeptablen Verse zustande.  

Verglichen damit wirkt Al­ces­te auf der linken Leinwand regelrecht schön­geis­­tig. Zwar sind die Spei­chel­bläs­chen, die sich beim engagierten Verriss von Orontes Sonett in seinen Backentaschen ansammeln, auch kein schöner Anblick. Aber wo sich schonungslose Ehrlichkeit feiert, erträgt zumindest die Masochistin Йliante (Caroline Diet­rich) notfalls kleine Spuck­at­tacken. Sie ist von Alcestes idiosynkratischer Abscheu gegen­über jedweder Heuchelei derart fasziniert, dass sie, sobald sie mit dem Rücken zum Publikum steht, entschlossen die Träger ihres Abendkleides fallen lässt und ihren nack­ten Busen an Al­ces­tes’ Leinwandgesicht reibt.

MenschenfeindDer neue DT-Hausregisseur Andreas Kriegenburg präsentier­t seit Saisonbeginn in jeder  Inszenierung genau eine Bild­idee, die als Konzept den Abend dominiert. Was in „Prinz Friedrich von Homburg“ das komplett in Rot getauchte Szenario und in „Hamlet“ die Clownskistenbüh­ne, ist in dieser Produktion, die Intendant Ulrich Khuon vom Tha­lia Theater Hamburg mitgebracht hat, die doppelte Leinwand. Dort erscheinen in jeder Szene die Gesichter der Dialogpartner, die gerade dran sind, während der Rest des Ensembles Tango tanzt oder Sektkorken knallen lässt. Man soll dem schwer identifikati­ons­taugli­chen Heuchlertrupp, den Moliиre im „Menschenfeind“ sar­kastisch vorführt, bis ins letzte Nasenhärchen hinein zusehen können – so Kriegenburgs Plan. Was man aber vor allem sieht, sind vir­tuo­se, von abgründiger Bösartigkeit indes freie Darsteller, die uns der Menschenfreund Kriegenburg zudem dadurch erfolgreich vom Leibe hält, dass er sie so seltsam zeit- und ortlos insze­niert. Im Falle etwa von Ju­dith Hofmann, die Cйlimиne verkörpert, macht das genaue Hin­se­hen zwar Spaß, weil sie mit Mi­nimal­aufwand unglaublich viel in ihrem Gesicht passieren lässt. Doch über einunddreiviertel Stun­den wirkt selbst das ir­gend­wann nur noch wie in der Wie­derholungsschleife.

Text: Christine Wahl
Fotos: Arno Declair

(tip-Bewertung: Zwiespältig)

Termine: Der Menschenfeind

im DT-Kammerspiele,
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