Theater

Der schönste Ort der Welt

Treffen sich Mitte Dezember zwei Thea­terkritiker, ein Glück­licher und ein Verzweifelter. Sagt der Verzweifelte: „Und, wie war dein Jahr?“ Sagt der Glückliche: „Wunderbar. Zwei Inszenierungen waren umwerfend klug und berührend und toll. Alles andere habe ich vergessen. Das Theater ist der schönste Ort der Welt.“ Sagt der Verzweifelte: „Ich erinnere mich an alles, sogar an Brandauer und Peter Stein, sogar an Bondy, an Armin Petras und an jeden Off-Theater-Quatsch und an die Mitmachtheater-Idioten. Es ist die Hölle. Das Theater ist der fürchterlichste Ort der Welt.“ Beide haben, logisch, recht.

Das Jahr fing gut an. Im Januar hatte Jürgen Goschs Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“ am Deutschen Theater Premiere. Plötzlich war wieder klar, weshalb die Menschheit irgendwann dieses seltsame Medium Theater erfunden hat. Zum Beispiel weil man im Theater wie nirgendwo sonst sehen kann, wie komisch und grauenvoll die großen Sehnsüchte und das kleine Leben sind. Bei Jürgen Gosch (bei Anton Tschechow sowieso) kommt der Blick aufs verfehlte Leben ohne Rechthaberei und Ironisierung und Kitsch aus. Es ist ein Theater, das die im Unglück, in wirren Gefühlen, in trostlosen Ehen, in ihrer Einsamkeit zappelnden Menschen ungeschützt und ohne Zynismusfilter anschaut. In einer Szene begreift Wanja, dass sein Leben vorbei ist und ihm in den Jahren, die er bis zu seinem Tod noch hat, nichts bleibt, als einfach sinnlos weiterzuexistieren. Es ist ein sehr leiser, sehr tief gehender und lange anhaltender Schock­moment, für Wanja und für jeden, der ihm dabei zusieht. Der Zuschauer schaut nicht einfach zu, wie Ulrich Matthes das spielt, er teilt mit Wanja eine ziemlich intime Erfahrung. Ein Paradox der Inszenierung, die so genau von unglücklichen Menschen erzählt, ist übrigens, dass man nicht depressiv und trübsinnig vernebelt, sondern im Gegenteil mit der schöns­ten, wachsten Herzens- und Geis­tesklarheit aus dem Theater nach Hause geht.

Lesen Sie im aktellen tip, welche Inszenierungen Peter Laudenbach noch lobenswert fand und vor welchen Theaterbesuchen er abrät. Der gesamten Artikel finden Sie in Heft 01/09 auf Seite 63.

Mehr über Cookies erfahren