Oper

„Der Schuss-2-6-1967“ in der Neuköllner Oper

Brandgefährlich: Die Neuköllner Oper macht zum 50. Jahrestag des folgereichen Mordes an Benno Ohnesorg eine Oper

Foto: Matthias Heyde

Das wäre eigentlich ein Thema für die Hauptbühne der Deutschen Oper gewesen! Der Tod von Benno Ohnesorg, vor genau 50 Jahren am Rande des Schah-Besuchs der „Zauberflöte“ beschäftigt bis heute die Gemüter und die Historiographie. Die Annahme, der West-Berliner Student sei von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras im Auftrag der Stasi erschossen worden, scheint heute nicht mehr haltbar. Die Stasi ließ ihren Informanten bald nach der Tat fallen. Als Gründungsdatum für den RAF-Terrorismus jedoch, für den „Deutschen Herbst“ und alles, was zur Radikalisierung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) dazugehört, ist der 2. Juni 1967 allemal erinnernswert. Und wichtig.

Die Neuköllner Oper, vor 40 Jahren aus dem Geiste der Studentenbewegung gegründet, hat wie so oft das Ohr dichter am Nervositätspuls der Zeit. „Dass man alles veropern kann, daran glauben wir nicht“, sagt Bernhard Glocksin, der langjährige Leiter und jetzige Librettist von „Der Schuss 2-6-1967“.
Wir seien, so meint Glocksin, heute meist „geschichtsvergessen und zukunftsbesessen“. In der Schule gehe es nur noch um die „Next generation“. Dabei handele es sich bei dem, was 1967 passierte, um „einen Kampf, der nicht abgerissen ist“. Sondern Folgen hat, bis heute.

Mit dem deutsch-iranischen Komponisten Arash Safaian (*1981) hat man für die Musik jemanden gewonnen, von dem immerhin ein Stück von Robert Wilson in die Tat umgesetzt wurde („On the Beach“, 2012). Der Rihm-Schüler stammt aus einer Familie, die aus Teheran fliehen musste. Zum anlassgebenden Kontext, dem Schah-Regime des Reza Pahlavi, hat Safaian womöglich eine eigene Geschichte beizutragen.

„Ich möchte ungern über Menschen ­schreiben, die noch am Leben sind“, so Librettist Glocksin. Er entschied sich dagegen, die Kinder der Betroffenen im Stück vorkommen zu lassen. „Sowohl Lukas Ohnesorg wie auch Felix Ensslin haben sich lange Zeit nicht zu den Vorgängen geäußert, das respektieren wir.“ Auch das Attentat kommt nicht direkt vor. Stattdessen wird der Schuss in der Krummen Straße aus der Perspektive der Ehefrau erzählt. Sie wurde von Ohnesorg, da sie schwanger war, unmittelbar vor dem Attentat nachhause geschickt.

„Es war eine enorm schlimme Zeit, aus der sich keiner damals heraushalten konnte“, so Glocksin über den Beweggrund zur Oper. „Man wurde sofort zum Sympathisanten und Extremisten abgestempelt, wenn man nur einen Gedanken dazu äußerte, wie es zu diesem Wahnsinn gekommen war.“ Auf der Seite der Radikalisierten habe die Haltung dominiert: „Wir retten euch – und ihr schnallt das nicht!“
Das Thema ist politisch angemessen und aktuell genug für eine Off-Bühne, die guten Gewissens von sich sagt: „Wir kriegen ein Prozent dessen, was die Opernstiftung kriegt, machen aber mehr Premieren als so manches städtische Opernhaus.“ Für die 1,3 Millionen, die man erhalte, könne man angesichts der vielen Aufführungen „oft nicht mal den Mindestlohn anbieten“.

Pünktlich zum eigenen Jubiläum nun berappelt sich die kleinste Klitsche von Opern-Berlin zeitgerecht und hoffentlich brandgefährlich. Während sich die anderen tot stellen – und gar nichts zur Sache machen.

Neuköllner Oper Karl-Marx-Str. 131-133, Neukölln, Karten 16–25, erm. 9 €

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