Theater

„Der Spieler“ in der Volksbühne

DerSpielerWenn man gegen Mitternacht nach fünf Stunden gleichermaßen lässig entspanntem wie lässig überdrehtem Castorf-Theater etwas benommen aus der Volksbühne taumelt, ist es fast wieder wie damals, in den goldenen Castorf-Jahren, als man die Welt unkompliziert in Leute einteilen konnte, die sich ebenfalls schwer fasziniert nächtelang in den Volksbühnen-Sog stürzten, und die anderen, mit denen man sich nicht viel zu sagen hatte. Die ziellose Fahrigkeit, der ganze abgefuckte Überdruss am eigenen leerlaufenden Theater, der Castorfs Inszenierungen in den letzten Jahren immer wieder einen erhöhten Kopfweh-Faktor beschert hat und regelmäßig für schlechte Laune und die Frage sorgte, was man hier überhaupt noch will, ist an diesem Abend wie weggeblasen.

Stattdessen: Spielfreude, Intelligenz, eine Lässigkeit, die schon lange niemandem mehr irgendwas beweisen muss und tolle Schauspieler, die aufs Schönste mit sämtlichen Volksbühnen-Klischees jonglieren, um sie gleichzeitig ins Extrem zu treiben, sich beiläufig über sie lustig zu machen und dann doch wieder mit Grandezza auszukosten.  Daneben wirkt so ziemlich alles andere, was man in Berlin derzeit so im Theater zu sehen bekommt, etwas spießig, brav und hoffnungslos ordentlich.
Sogar die gute alte Castorf-Pene­tranz, die endlos und ziellos zerdehnten Szenen, die Abschweifungen – diesmal wird zwischendurch  ohne erkennbaren Sinnzusammenhang denkbar gelangweilt Heiner Müllers „Auftrag“ zum Vortrag gebracht –, das völlige Desinteresse an so etwas wie Zeit- oder Erzählökonomie machen erst einmal Vergnügen.

Castorfs Textvorlage, Dostojewskis kurzer Roman „Der Spieler“, ist kolportagehafter, in der Figurenpsychologie flacher als die großen Romane, die Castorf einst, von „Der Idiot“ bis zu „Dämonen“, zu vertrackten Theater-Delirien gemacht hat. Aber gerade der simple, auf Spannung kalkulierte Plot mit seinem überschaubaren Figurenensemble erweist sich als schöne Startrampe, um wieder mal in den castorf-typischen schummrigen Absturzbars mit hysterischen Blondinen, bedröhnten Altrockern und undurchsichtigen Dandy-Kriminellen zu landen. Zwischen bankrotten russischen Adeligen, geldgierigen Luxusschlampen, spielsüchtigen Existenzialisten und den üblichen Existenzen zwischen Beatnik und Kaputtnik aus den härteren Abteilungen des Nachtlebens sind hier kaum Unterschiede auszumachen.

DerSpielerBert Neumanns verwinkelte Drehbühne ist um eine düstere, mit grellen Neonröhren bestückte Spielhölle herum gebaut, so billig- glamourös wie trostlos, ein Ort, an dem das Versprechen aufs wilde Amüsement nahtlos in den Existenzabsturz übergeht. Dieses Las Vegas für ganz Arme ist das Herz der Bühne wie der gesamten Show und wieder mal ist es nur per Videoübertragung zu sehen. Davor, dahinter Salons wie aus dem Tür-auf-Tür-zu-Boulevard-Theater und genau so werden sie dann auch gerne bespielt. Die Schauspieler sind zumindest phasenweise umwerfend wie in besten Volksbühnen-Zeiten, allen voran Kathrin Angerer als lasziv verzickte Polina und Sophie Rois als mondäne Erbtante, die leider gar nicht daran denkt zu sterben und ihr Vermögen unter größtmöglichem Einsatz von blasierter Herablassung und am Ende im kalten Schweiß der Sucht lieber selbst am Roulettetisch durchbringt. Alleine wie sie ihre Lakaien schikaniert, sich auf dem Kanapee räkelt, sich darauf  von einem Zimmer ins andere tragen lässt und prätentiös nichts als ihren Launen folgt, ist von prächtiger, intelligent servierter Diven-Komik. Weniger elegant, dafür schön brachial ist dagegen der bankrotte General, den Hendrik Arnst gewohnt wuchtig und unter sorgfältiger Vermeidung unnötiger Subtilitäten samt entblößtem Wams hinstellt.

Zweite Referenz neben Dostojewskis Roman sind die Rolling Stones in den Jahren, in denen Brian Jones noch unter ihnen weilte, also vor sehr langer Zeit. Und damit wird die ganze Veranstaltung dann leider etwas problematisch, und das nicht nur wegen der, nun ja: ranzigen Nostalgie, die immerhin schön selbstironisch mit der Einspielung eines Stones-Hits kommentiert wird: „Baby, baby, you are out of time.“ Stimmt, möchte man da sagen. Ausgiebig wird am Swimmingpool rumgesessen und auf Rockstar gemacht, vermutlich handelt es sich um den Swimmingpool, in dem Brian Jones Leiche nach einer bedröhnten Nacht eines schönen Morgens im Juli 1969 schwamm. Nicht nur, dass nicht mit Stones-Einspielern gegeizt wird und sich amourös erfolglose Herren gelegentlich von ihren Damen anhören müssen, sie seien halt nicht Mick Jagger, auch die Hauptfigur scheint auf der Besetzungsliste der verdienten Schrammel-Band zu stehen.

Alexander Scheer macht aus dem Spieler Alexej ein Keith-Richards-Double samt drogenbleicher Visage, dass es eine Art ist, halb so alt und doppelt so aufgekratzt wie das mit Heroin imprägnierte Original. Das ist, weil Scheer ein toller Schauspieler ist, eine Zeit lang ganz unterhaltsam, aber dann werden die ewigen Rockerposen, das breitbeinige Abhängen, die von sich selbst arg begeisterte Coolness, der ganze spätjuvenile Narzissmus etwas öde und  langweilig. Das wirkt alles auf eine dumpfe Weise nicht erwachsen geworden und eitel und führt, man hat in den fünf Stunden ja genug Zeit zum Nachdenken, zu der Frage, welche selbstzerstörerischen Lebenslügen vom Rock’n’Roll- und Exzess-Lifestyle hier gerade einigermaßen pene­trant und selbstreflexionsfrei zelebriert werden.

So kippen die eigene, von Rührung nicht freie Nostalgie, die man angesichts der schönen Wiederbegegnung mit dem Castorf-Theater empfindet, Castorfs Altmänner-Stones-Nostalgie und die Nostalgie der einst verheißungsvollen, aber längst abgelebten und gerade an diesem Haus nur noch tristen Versprechungen eines wilden Lebens merkwürdig und nicht uninteressant ineinander, was ja nicht das Schlechteste ist, was man über einen Theaterabend sagen kann.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Sehenswert

Der Spieler Volksbühne, Sa 22.10., Sa 29.10, 19 Uhr; Karten-Tel. 240 65 777

Mehr über Cookies erfahren