Theater

„Der Stein“ in der Schaubühne

Er erzählt sie als Familiengeschichte und als Geschichte einer Dresdner Villa, die den jüdischen Eigentümern 1935 von einem Nazi-Mitläufer abgepresst wird, der sich dann 1945 gleich nach dem Selbstmord des Führers selbst erschießt, ein deutscher Mann. In den 90er Jahren kommt seine Witwe, inzwischen eine ältere Dame, samt Tochter und Enkelin aus dem Westen zurück nach Dresden. Durch die abrupten Zeitsprünge und Rückblenden zwischen 1935, 1945 und 1993 erschließen sich dem Zuschauer erst nach und nach die Zusammenhänge und Schuldverstrickungen, was immerhin für eine kriminalistische Spannung sorgt. Lange folgt er den Lebenslügen der Witwe und ihrer Tochter, die glaubt, was sie glauben will, nämlich dass ihre Eltern aufrechte Antifaschisten gewesen seien – Gutmenschentum als Selbstbetrug und Selbstgefälligkeit.
Leider zerstört Ingo Berk in seiner Uraufführungsinszenierung an der Schaubühne mit einer bemerkenswert plumpen und unbeholfenen Regie gerade den Reiz dieser Konstruktion: Hier sind alle Figuren von Anfang an reaktionäre Gefühlskrüppel, denen man jederzeit alles Böse zutraut. Judith Engel spielt die Nazi-Witwe als arrogant unterkühlte Dame aus besseren Kreisen, die sich lästige Wahrheiten mit grotesken Überkultiviertheiten auf Distanz hält. Kay Bartholomäus-Schulze macht aus ihrem Gatten in den Rückblenden eine Nazi-Knallcharge hart an der Grenze zur simplen Karikatur. Auch Bettina Hoppe, sonst immer eine erfreuliche Schauspielerin, verlässt sich aufs Klischee und gibt die Tochter als schmallippig verklemmte Kleinbürgerin, die sich die Welt und ihre Eltern zurechtlügt.
Den eigentlichen Reiz des Textes, seine zunächst ambivalente Figurenzeichnung, opfert Berk der schwerfälligen Denunziation und Rechthaberei, sodass sich der Abend bleiern schwer und ziemlich langweilig dahinschleppt.

Text: Peter Laudenbach

Fotos: Matthias Horn

Tip-Bewertung: Zwiespältig 

Der Stein
Schaubühne
Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf,
Di 28., Mi 29.10., 20 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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