• Kultur
  • Theater
  • Der Streit um Falk Richters Skandalstück „Fear“ geht weiter

Theater und Justiz

Der Streit um Falk Richters Skandalstück „Fear“ geht weiter

Düstere Seelen auf der Zombieparade: Wie eine christliche Fundamentalistin lieber nicht zu einer Theaterfigur in Falk Richters „Fear“ werden wollte

Foto: Arno Declair

Die gute Nachricht zuerst: Selbst im AfD-Umfeld gilt offener Antisemitismus offenbar noch eher als Problem und nicht als Position, über die man ja mal vorurteilsfrei reden können muss. Weil man sich bei diesem Milieu nicht sicher sein kann, wohin sich die roten Linien noch verschieben werden, war man fast erleichert, als sich die homophobe Rechts-Katholikin Gabriele Kuby gegen die Behauptung verwahrte, sie hetze gegen Juden. Immerhin konnte man das als Indiz dafür verstehen, dass Antisemitismus in ihren Kreisen derzeit nicht mehrheitsfähig ist. Es reicht ja, dass Frau Kuby gegen Schwule, Lesben, sexuelle Selbstbestimmung, Sexualpädagogik, Verhütung und das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche, Sex vor der Ehe, Genderdebatten und Kinderkrippen hetzt. Und natürlich gegen Harry Potter, bekanntlich eine Ausgeburt der Hölle und schlimmer als alle Regietheatermonster zusammen, oder in Kubys Worten: „Harry Potter – der globale Schub in okkultes Heidentum“. Lustig.

Gegen den öffentlich vorgetragenen Satz „Ich bin Gabriele Kuby … und hetze gegen Juden“ ging sie gerichtlich vor. Die christliche Fundamentalistin sah sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt. Nach anderthalbjährigem Rechtsstreit entschied das Berliner Kammergericht nun, diese Behauptung dürfe nicht wiederholt werden, ebenso wie die Vermutungen, Frau Kuby sei „ein vertrocknetes Stück Holz“ und „eine verknitterte, ausgetrocknete, düstere Seele“. Gefallen waren die Sätze in Falk Richters Inszenierung „Fear“ an der Schaubühne.

Es ist, um es höflich zu sagen, nicht unbedingt Richters klügstes Werk. Die menschenverachtende Polemik der Rechtspopulisten wird mit menschenverachtender Polemik beantwortet. Die xenophobe Paranoia, die angesichts der Fremden in Panik verfällt und zwecks politischer Stimmungsverschiebung Panik schürt, wird in „Fear“ popkulturell in postapokalyptische Zombie-Szenarien übersetzt, nur dass diesmal Kuby & Co imaginär die Zombie-Rollen besetzen. Richters Ironie-Filter, die rechte Zombie-Horror-Schau als leicht bedrogten Alptraum überreizter, politisch eher ahnungsloser Hipster (deren schlecht trainierter Verstand auf den nächtlichen Reisen durch die Tiefen des Internets zusehends in Verwirrung gerät) zu inszenieren, ist eine schwache Rahmung.

Am Ende dominieren die effektvoll aufgepumpten Horror-Szenarien grün flackernder Untoter, ausgestochener Augen und anderer Scherze. Einerseits ist das lustig und erfüllt eine alte Funktion von Kunst und Theater, nämlich Ängste zu verkörpern: Die Dämonen haben Ausgang. Andererseits macht die Inszenirung es sich damit entschieden zu einfach. Darin ist sie auf ungute Weise typisch für die oft genug hilflosen Versuche des Theaters, sich mit den rechtsextremen Bewegungen auseinanderzusetzen.

Das Problem an Falk Richters Aufführung ist, dass sie funktioniert wie ein Spiegelbild. Indem sie in aufrechter Wut und steter Alarmbereitschaft gegen ein von rechten Demagogen vergiftetes Klima polemisiert, vergiftet sie ihrerseits das Klima und wird so ihrem politischen Gegner immer ähnlicher. Das Phänomen ist alles andere als neu. „Auch Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge“, wusste schon Brecht. Aber diese Entschuldigung greift zu kurz.

Was Richters Polemik, die er nach der Arbeit an der Schaubühne mit seinen Inszenierungen am Maxim Gorki Theater fortsetzt („Verräter. Die letzten Tage“), mit den Rechtspopulisten verbindet, ist mehr als die Eskalationsstrategie und der Hang, den Gegner zu dämonisieren. Die strukturelle Analogie reicht weiter. Zu ihr gehört die Verachtung des Diskurses und die hysterische Vermutung, die liberale Demokratie stehe mehr oder weniger unmittelbar vor dem Kollaps. Die Feindbeschwörung, die den Kern dieser Art von Agitprop-Pop-Theater ausmacht, macht die Rechtsextremen bedeutsamer als sie sind. Die schrullige Frau Kuby zum Beispiel hat durch Falk Richters tätige Hilfe ungeahnte Bekanntheitsgrade erreicht. Die mit Angstschauder versehene Feindbeobachtung und -Aufblähung funktioniert, genau wie auf der Gegenseite (die vom linksversifften Vaterlandsverräter-Mainstream faselt) als Selbstbestätigungsdroge. Das ist nebenbei das Gegenteil von Drama als Konfliktfeld – und teilt dem Publikum vor allem eine beruhigende Botschaft mit: Wir sind die Guten!

So funktioniert Theater nicht als öffentlicher Austragungsort gesellschaftlicher Konflikte, sondern ähnlich wie die Social-Media-Meinungsblasen, in denen Gleichgesinnte zwecks gegenseitiger Selbstbestätigung am liebsten unter sich bleiben.

Die Prozesse, die neben Kuby auch andere in der Inszenierung karikierten rechtskonservative Damen gegen die Schaubühne und Falk Richter anstrengten, wirken wie eine Fortsetzung dieses spiegelbildlichen Feindspiels. Mit ihren Klagen nobilitierten die Rechtspopulistinnen eine schwache Inszenierung und benutzten sie ihrerseits zur Selbstinszenierung als Opfer einer angeblichen linken Kultursbetriebs-Hegemonie. So ist zwar beiden Seiten im Meinungs- und Aufmerksamkeitsbusiness geholfen, nicht aber der politischen Kultur und dem unter Theatergesichtspunkten zwar eher langweiligen, für das halbwegs erträgliche Leben in diesem Land aber nicht ganz unwichtigen demokratischen Common Sense.

Mehr über Cookies erfahren