Theater

„Der Tod in Venedig“ an der Schaubühne

TodInVenedigJosef Bierbichler ist im Prinzip immer eine Freude, selbst wenn er Figuren spielt, mit denen er nicht allzu viel anzufangen weiß. Gustav von Aschenbach, der überempfindliche Schriftsteller, der sich in Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ irgendwann um die vorletzte Jahrhundertwende in einem mondänen Hotel in den Knaben Tadzio verliebt, ist keine literarische Figur, bei der man sofort an den wuchtigen Bierbichler denken muss. In Thomas Ostermeiers Schaubühnen-Inszenierung macht er es sich in einem Sessel im Hotel-Foyer bequem, blättert gelangweilt in der Zeitung oder löffelt mürrisch seine Suppe. Als der halbnackte Tadzio die Hoteltreppe herabschreitet, spielt Bierbichler mit einer Überdeutlichkeit, die etwa das Gegenteil von Thomas Manns gespreizter Andeutungskunst ist, dass hier ein älterer Herr gerade das verbotene Objekt seiner schlaffen Begierden erblickt. Der Rest ist Kunstgewerbe.

In einem Glaskasten sitzend liest Kay Bartholomäus Schulze raunend Passagen aus der Novelle vor. Eine dicke Gouvernante und die drei Schwestern Tadzios sorgen als Tischgesellschaft dafür, dass der Kellner etwas zu tun hat. Ohne erkennbaren Zusammenhang singt Bierbichler zwischendurch mit dünner Kopfstimme kleine Fetzen aus Gustav Mahlers „Kindertoten­liedern“. Weil Aschenbach der Welt so abhanden gekommen ist wie der trauernde Vater in Mahlers Lieder? Weil Thomas Mann beim Schreiben der Novelle an Mahler dachte und Visconti seine Verfilmung mit Mahler-Musik unterlegte? Oder vielleicht auch nur, damit Bierbichler mal etwas anderes machen kann, als nur grummelnd im Sessel zu grübeln. Es ist egal, wie alles in dieser gelangweilten, weder an den Figuren noch an Manns Novelle weiter interessierten Oberflächen-Arrangement-Inszenierung egal ist.
Als den Beteiligten nach einer knappen Stunde nichts mehr ein­fällt, müssen sich drei bedauernswerte Tänzerinnen ausziehen, aufgeregt ihre Haare schütteln und sich in wilden Zuckungen auf den Boden werfen, während dekorativ kleine, schwarze Plastikfolien vom Bühnenhimmel schweben. Es handelt sich bei dieser Peinlichkeit um eine von zwei Inszenierungen, die Herr Ostermeier, immerhin der künstlerische Leiter der Schaubühne, diesem Institut in dieser Spielzeit beschert.  

Text: Peter Laudenbach
Foto: Arno Declair
tip-Bewertung: Ärgerlich

Der Tod in Venedig:Termine
in der Schaubühne

 

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