Theater

Der Untergang des Abendlandes

Manche Schauspieler prägen sich ein, weil sie so unglaublich virtuos und funkelnd spielen, andere vergisst man nie wieder, weil sie mit ihrem Spiel Gefühle formulieren, die dann beim Zusehen in einem selbst eine Saite zum Klingen bringen. Manche Schauspieler liebt man für ihre trockene Komik, andere für ihre Melancholie oder ihren Aberwitz. Und dann gibt es die Extremisten, die Exis­tenzkünstler, die Granaten, die jede Rolle, jedes Stück, jeden Auftritt sprengen, weil sie mit ihrer Bühnenfigur immer auch ihr gesamtes Leben auf die Bühne mitbringen.

Volker_SpenglerSo ein Extremkünstler ist Volker Spengler, die Ein-Mann-Performance, der Schauspieler, der noch in einer langweiligen Castorf-Inszenierung oder einer klugen, schnellen, in den Boulevard-Aberwitz gejagten Pollesch-Show vor allem er selbst ist, eine Wuchtbrumme, die erst gar keine falsche oder echte Subtilität aufkommen lässt, sondern lieber gut gelaunt und mit Karacho vor sich hin nölt und quäkt, und zwar so, dass noch die unschuldigste Szene etwas diffus Obszönes bekommt – ein offenbar hemmungsloses Riesenbaby, für das das Theater keine Stätte gepflegter Kunstproduktion und wohltemperierter Gefühle ist, sondern ein Ort, an dem nur ein Gesetz regiert: das Lustprinzip. Das ist manchmal ein bisschen anstrengend und manchmal ein bisschen penetrant, aber es ist nie langweilig. Vor allem ahnt man, wenn man Spengler als schmierigen Sugardaddy, als Theatertriebtäter und monströses Riesenbaby zusieht, für einen Moment, dass die Kindheit für manche Leute vielleicht nie vorbeigeht.

Alleine um das zu sehen und sich selbst dann in seinem Erwachsensein plötzlich etwas albern vorzukommen, lohnt es sich, in jede Vorstellung zu gehen, in der Spengler mitspielt. Eine der zahlreichen Spengler-Anekdoten verweist übrigens genau auf diese entschlossene Weigerung, so etwas wie ein kultivierter Erwachsener zu werden. Nach einer Vorstellung saß Spengler vor vielen Jahren in der BE-Kantine und quäkte sein Lebensmotto in die Runde: „Von der Infantilität direkt in die Senilität!“ Und zwar ohne den lästigen Umweg einer irgendwie erwachsenen Zurechnungsfähigkeit. Eine andere Spengler-Anekdote ist älter. In seiner Jugend spielte Spengler in vier Inszenierungen Fritz Kortners. Ir­gend­wann auf einer Probe sagte Kortner den schönen Satz: „Spengler, Sie sind der Untergang des Abendlandes.“ Daran hat er sich gehalten.

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