Theater

„Der Zauberberg“ im Maxim Gorki Theater

Geht es dann aber nicht, weil Bachmann gar nicht erst so tut, als könnte das Theater dem beziehungsreichen Text- und Gedankenlabyrinth des Buches gerecht werden. Weder Thomas Manns Spekulationen über die Verwandtschaft zwischen Krankheit und Genie noch die Zeitdiagnostik einer ihrem Untergang entgegentrudelnden spätbürgerlichen Gesellschaft vor dem ersten Weltkrieg haben in der Inszenierung größere Spuren hinterlassen. Stattdessen inszeniert Bachmann eine Liegekur.
Eine über der Bühne hängende Digitaluhr weist diskret darauf hin, was hier im Stillstand der Handlung vor allem geschieht: Zeit vergeht. Das kann sich ziehen, wenn in den ersten zehn Minuten nur der gemächlich auf die sechs Tuberkulosepatienten herabsinkende Schnee und die in meditativer Ruhe ihre Kreise ziehende Drehbühne für Bewegung sorgen. Als dann Hans Castorp, wohlig eingepackt auf seiner Liege, in die Stille und den Schneefall hinein und mehr zu sich als zu irgendeinem Zuhörer sagt, er sei schon lange hier oben, „seit Jahren und Tagen, genau weiß ich es nicht“, fühlt man sich als Zuschauer längst wie ein Mitpatient, der hier im kollektiven Dämmer eine Auszeit von der Wirklichkeit nimmt. Nur Hans Castorp, das schlichte Gemüt, versteht zunächst nicht so recht, dass im Paralleluniversum Davos die Aufgeregtheiten des Flachlandes deplatziert sind, und plappert fröhlich vor sich hin.
Marek Harloff spielt diesen unbedarften Hans im Unglück als großen Jungen, der sich in seinen konfusen Gedankengängen über das Vergehen und Nichtvergehen der Zeit genauso verliert wie eine Bühnenstunde und viele Davos-Monate später in einer Affäre mit der Mitpatientin Clawdia (Anja Schneider). Schön ist, wie Harloff die grenzenlose Naivität Castorps vorführt, ohne in die kabarettistische Denunziation seiner Figur abzurutschen.
Das kann man von Naphta (Miguel Abrantes Ostrowski) nicht sagen. Schon bei Thomas Mann hat er als überspannter Marxist und Nihilist sein Päckchen zu tragen. Im Gorki-Thea?ter kommt strafverschärfend ein Hang zur manischen Onanie während der Liegekur hinzu sowie die Neigung, seinen düsteren Reden mit herabgezogener Schlafanzughose und entblößten Weichteilen Nachdruck zu verleihen. Lässig führt Bachmann vor, dass Naphtas Probleme in postideologischen Zeiten eher komisch wirken, sozusagen Davos-Schnee von vorgestern. Auch seinem Gegenspieler Settembrini (Ronald Kukulies) ist der funkelnde Geist abhanden gekommen. Nur noch mürrisch kramt er seine Fortschrittsoptimismen hervor.
Vom so entkernten Roman bleibt vor allem das endlose Schneetreiben übrig, in dem sich Castorp im berühmten Schneekapitel verläuft. Bei Bachmann ist das lustiger Geisterbahn-Pop, eine Walpurgisnacht mit grell kostümierter Schneekönigin und grotesken Elfen, ein wirr bedröhnter Traum, aus dem Castorp mit leichtem Kater erwacht – ein nicht unsympathischer, aber auch in keinem Augenblick beängstigender oder gar größere Fragen aufwerfender Urlaub von der Wirklichkeit, wie die gesamte Inszenierung.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Bettina Stoess

Tip-Bewertung: Annehmbar

Der Zauberberg
Maxim Gorki Theater,
Am Festungsgraben 2, Mitte,
Mi 29.10., Mo 10.11., Di 18.11., 19.30 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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