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Deutsch-Jüdischer Lapsuskatalog: „Basically I don’t but actually I do“

Basically I don’t but actually I doVor 15 Jahren haben sich Saar Magal und Jochen Roller bei ihrer Ausbildung im Londoner Laban-Center kennengelernt. Er war für sie der erste Deutsche, mit dem sie zu tun hatte, sie für ihn die ers­te Jüdin und die erste Israelin. Sehr viele Gedanken haben sich beide darüber zunächst nicht gemacht.
Aber dann, im Anschluss an einen Choreografie-Workshop, in dem Magal und Roller gemeinsam ein kleines Duett entwickelt hatten, nahm die Kursleiterin Roller beiseite. Er müsse sich genauer überlegen, welche Bilder er im Tanz produziere, sagte sie. Wie das gemeint sei, fragte er zurück. Nun, so lautete die Erklärung, er sei Deutscher und sie Jüdin – und am Ende ihres Stücks sehe man sie am Boden liegen und ihn stehend, mit einem Fuß auf ihrem Körper.
Das Thema des Work­shops hatte nichts mit dem Holocaust zu tun gehabt. Weder Roller noch Magal wären auf die Idee gekommen, auch nur den geringsten Zusammenhang zu sehen. Danach aber begannen sie, gemeinsam ihren ganz persönlichen Lapsuskatalog zu erstellen. Was passiert, wenn man eine Tanzbewegung aus einer ganz bestimmten Perspektive, etwa der des Holocausts, beobachtet? Dann rückt sogar ein einfaches Work-out des hundertprozentig aller faschistischen Umtriebe unverdächtigen Choreografen Merce Cunningham ins Zwielicht. Denn zum Work-out gehört auch das Heben und Senken des ausgestreckten rechten Arms. Ausgehend zunächst von ihrem eigenen über viele Jahre entstandenen Katalog, dann von Bildern, die als Geschichte des Holocausts im kollektiven Gedächtnis gespeichert wurden, haben Roller und Magal das Duett erarbeitet, das jetzt in den Sophiensälen uraufgeführt wird.
Es ist ein Stück, dessen Geschichte mit einem lustigen Lapsuskatalog beginnt – und mit der Frage endet, wie es gelingen konnte, Menschen nicht mehr als Menschen, sondern als Objekte und in Stückzahlen wahrzunehmen.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Friedemann Simon

Basically I don’t but actually I do, Sophiensäle, Sophienstraße 18, Mitte,
16.-19.4., 20 Uhr, Karten unter 283 52 66

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