Theater

Diagnose: Jazz in der Bar jeder Vernunft

August_Zirner_und_das_Spardosenterzetttip Bei Ihren Auftritten mit dem Spardosen Terzett spielen Sie Querflöte und erzählen aus dem Leben großer Jazzmusiker: Thelonious Monk, Charles Mingus und Rahsaan Roland Kirk. „Diagnose Jazz“, der Titel des Abends, klingt, als wäre Jazz eine Krankheit. Ist das so?
August Zirner Nein, so ist das nicht gemeint. „Diagnose Jazz“ ist ein Zitat aus Geoff Dyers Jazz-Buch „But Beautiful“, aus dem auch viele der Texte des Abends stammen. Dyer erzählt, wie der Arzt den Bebop-Musiker Lester Young untersucht: Drogenabhängigkeit, Barbiturate, Cannabis … Der Arzt sagt: „Diagnose Jazz“. Aber in dem Wort „Diagnose“ klingt ja auch das Wort „Dialog“ an. Was wir in der Bar jeder Vernunft machen, ist auch ein Dialog zwischen Sprache und Musik. Vieles kann man besser mit Tönen sagen als mit Worten.

tip Einer der Jazz-Musiker, um die es in Ihrem Programm geht, ist Thelonious Monk, ein Mann, der sich phasenweise völlig zurückgezogen und kaum noch gesprochen hat.
Zirner Seine Sprache waren nicht die Worte, sondern die Musik. Die Verschrobenheit des Denkens, die er ja auch hatte, das hört man einfach in seiner Musik. Es fasziniert mich, dass man über seine Musik viel von seiner Persönlichkeit erfährt. Anfangs hat keiner verstanden, was er musikalisch gemacht hat, jemand, der musikalisch und vielleicht auch sonst sehr in seiner eigenen Welt lebt. Mingus dagegen ist sehr politisch, revolutionär, für ihn ist auch seine Musik politisch.

tip In seiner Autobiografie „Beneath the Underdog“ schreibt Mingus, wie er sich zeitweise
in einem halbkriminellen Milieu bewegt hat und Zuhälter war. Später hat er sich politisch stark radikalisiert, ein schwarzer Links­radikaler der 60er, 70er Jahre. Interessieren Sie diese Seiten von Mingus?
Zirner Natürlich, „Beneath the Underdog“ kommt in unserem Programm auch vor. Mingus und Kirk haben bei ihren Auftritten von der Bühne revolutionäre Reden gehalten, sie wollten etwas verändern, nicht nur in der Musik.

tip Weshalb ist Jazz für Sie so wichtig?
Zirner Für mich ist die Musik von Monk und Mingus, Kirk und Eric Dolphy Teil meiner Jugend. Ich bin in den USA aufgewachsen, in Illinois, in der Nähe von Chicago. Ich hatte am College einen sehr guten Musiklehrer, der hat mich zum Jazz gebracht. Ich habe mit einem gewissen Ehrgeiz Querflöte gespielt. Ich weiß noch, wie ich mit 16 zusammen mit einem genau so alten schwarzen Jazz-Saxofonisten aufgetreten bin, das war 1972, und der Abstand zwischen Schwarzen und Weißen war in dieser damals ziemlich rassistischen Gesellschaft enorm. Am meisten war ich damals stolz darauf, dass mich die Schwarzen akzeptiert haben.

Interview
: Peter Laudenbach
Foto: Markus Schilling


Termine: Diagnose Jazz August Zirner und das Spardosen Terzett
,
in der Bar jeder Vernunft, Di 30.3.
bis Sa 3.4., 20 Uhr, So 4.4., 19 Uhr
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