Abstrakter Expressionismus

„Dickicht“ am Maxim Gorki Theater

Wie sind die denn drauf?  Sieg durch K.O.: Sebastian Baumgarten inszeniert Brechts Frühwerk „Dickicht“ frisch und aggressiv

Ute Langkafel/ MAIFOTO

Wie schön, dass ein gut abgehangener Klassiker wie ein Frühwerk des Herrn Brecht noch für solche Irritationen sorgen kann! Ein Teil der Lokalkritik gibt anlässlich einer Neuinszenierung am Maxim Gorki Theater zu Protokoll, wie seltsam und befremdlich sie dieses einigermaßen rohe Stück Hardcore-Literatur findet. Das ist ja gar nicht psychologisch-realistisch! Und die klare politische Botschaft fehlt irgendwie auch!

Angesichts des sinnlosen Kampfmodus, in dem sich die Hauptfiguren abschießen, stellt sich in harmoniebedürftigen Zeiten, in denen sich das Theater öfter anfühlt wie die Fortsetzung der Hygge-Gemütlichkeit mit kunstgewerblichen Mitteln, für die Betrachter vor allem die Frage: Wie sind die denn drauf? Offenbar hat Sebastian Baumgarten mit seiner Inszenierung von Brechts expressionistischem Schocker „Im Dickicht der Städte“ (er verknappt den Titel zu „Dickicht“) also so einiges richtig gemacht. Und das nicht nur, weil sich die Kritik von dem Stück und seiner Darreichung genau so überfordert zeigt, wie es die Zeitgenossen vor knapp einem Jahrhundert bei der Münchner Uraufführung waren. Thomas Mann zum Beispiel stöhnte 1923 nur, hier handle es sich um „bolschewistische Kunst“, also um ein Ärgernis. Der Großkritiker Alfred Kerr lies wissen, er fühle sich nicht verpflichtet, „über derartiges eine Kritik zu verfassen.“ Rumms. Heute rummst es nicht mehr ganz so laut, aber als Zumutung funktionieren Text und Inszenierung immer noch hervorragend.

Die Herausforderung des Stücks liegt unter anderem darin, für den schwer sexuell aufgeladenen Kampf zwischen dem Hungerleider Garga und dem reichen Holzhändler Shlink keine Erklärung zu liefern.

Der Kampf findet um seiner selbst willen statt. Er ist, wie für die Kamikaze-Schläger im Film „Fightclub“, kein Mittel zum Zweck, sondern eine Möglichkeit, das Leben intensiver zu gestalten. Irgendwas muss man ja machen, um zu spüren, dass man lebt und nicht nur funktioniert. Moralfreie Exzesskenner wie Nietzsche und Ernst Jünger hätten ihre helle Freude an den Schicksalsschlägen gehabt, die sich Shlink und Garga gegenseitig verpassen: das Leben als Boxring, in dem Adrenalin immer noch die beste Droge ist. Wie in „Fightclub“ ist auch auf diesem Kampfplatz nicht ganz klar, ob es sich bei den Antagonisten wirklich um zwei Personen handelt oder ob der eine den anderen nur träumt. Die expressionistisch aufgesteilte Sprache des jungen Brecht wirkt wie die Fortsetzung der selbstzerstörerischen Manöver der Existenz-Kämpfer. Die Worte hageln wie Fausthiebe auf den Betrachter im Theaterparkett ein, und es sind Schläge, die sitzen. Vor allem, weil dabei immer wieder Sätze fallen, die wie schmerzhafte Leberhaken lange nachwirken: „Die Menschenhaut im natürlichen Zustand ist zu dünn für diese Welt, deshalb sorgt der Mensch dafür, dass sie dicker wird. Die Methode wäre unanfechtbar, wenn man das Wachstum stoppen könnte.“

Sebastian Baumgarten, wahrscheinlich derzeit einer der klügsten, radikalsten und tiefenanalytisch hellsichtigsten Konzeptkunst-Regisseure des deutschen Theaters, findet dafür eine zwingende Form, die in ihrer betonten Künstlichkeit die Fremdheit des Stücks nicht glattbürstet, sondern ausstellt.

Ein Stummfilm, manieriert und spröde wie die frühen Fassbinder-Melodramen oder Kaurismäkis lakonische Balladen (Video: Hannah Dörr), verdoppelt die Darsteller, die ihren Text mehr oder weniger lippensynchron live einsprechen. Wenn Garga (Tim Wonka) seinen Gegner Shlink (ein manischer Mephisto: Thomas Wodianka) fragt, ob er seine Alpträume fotografiert habe, wirkt das wie eine Erklärung für diese szenisch-filmische Aufspaltung der Figuren: Sie begegnen sich wie Gespenster oder Traumreste, die im noch nicht ganz wachen Tagesbewusstsein der anderen umgehen. Das macht sie gleichzeitig schwer fassbar und sehr konkret. Collagiert wird das mit Brechts Aufzeichnungen aus dem Arbeitsjournal und Gedichten aus seinem neusachlich-kalten Lesebuch für Städtebewohner.

Einer der gespenstischen Effekte dieses Verfahrens liegt darin, dass diese real-irrealen Gestalten besonders unwirklich wirken, wenn sie die Aufspaltung in Filmbilder und Textsprecher verlassen und für kurze Passagen ins Theaterspiel kommen: In diesem Setting sind echte Menschen so etwa das unwahrscheinlichste, was man sich vorstellen kann. Der flirrend suggestive Elektro-Soundtrack des To -Rococo-Rot-Klangfricklers Stefan Schneider wirkt wie eine Atmosphären-Kokon.
Dass diese konsequent durchgehaltene formale Setzung nicht leerläuft, sondern über die zweieinhalb Stunden der Aufführung eine ziemlich faszinierende Sogkraft entwickelt, verdankt sich dem herausragenden Ensemble. Baumgarten macht ernst mit Brechts Aufforderung, sein Stück mit kühlem Blick zu betrachten: „Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über die Motive dieses Kampfes, sondern beteiligen Sie sich an menschlichen Einsätzen und lenken Sie Ihr Interesse auf das Finish.“ Brechts Rätselstück über die Entstehung der Tragödie aus dem Geist des Boxkampfs wirkt hier so frisch und aggressiv, als wäre es jederzeit bereit, sämtliche andere Thea­terformen mit einem schnellen linken Haken auf die Bretter zu werfen.

Maxim Gorki Theater Do 30.3., 19.30, Eintritt 10 – 34, erm. 8 €

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