Kunst als Waffe

Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100

„Ästhetik des Widerstands“: Das HAU feiert den 100. Geburtstag von Peter Weiss mit einem Festival des politischen Theaters

Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100
Foto: Wiener Festwochen / Alexi Pelekanos

Was für ein Monstrum von Roman: 1.200 Seiten in drei Bänden, ein Gang durch die erste Hälfte die 20. Jahrhunderts, erzählt aus der Perspektive eines kommunistischen, proletarischen Intellektuellen. „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss ist eines der Werke, die sich mit solcher Insistenz in ihren Stoff hineinbohren, dass sie dabei ein eigenes Genre schaffen. Weiss verbindet Erzählung und Reflektion, politische Geschichte und Biografie. Der Weg seiner Erzählerfigur geht vom nationalsozialistischen Berlin des Jahres 1937 über den spanischen Bürgerkrieg ins Exil in Paris und Stockholm (wohin Weiss selbst mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten geflohen war). Die Romanhandlung verbindet sich nicht nur mit Begegnungen des Erzählers mit linken Künstlern wie Brecht, sondern vor allem mit dem Versuch einer marxistischen Kunsttheorie, die die Kunstgeschichte von der Antike bis zu Picasso und Kafka aus der Perspektive der kommenden, ausstehenden Revolution lesen möchte. Die Frage, die der Roman in vielen Anläufen stellt, ob und wie Kunst zum „Instrument des Eingreifens“ werden kann, will Weiss eben mit seinem Roman auch beantworten – daher der so spröde, wuchtige Titel einer „Ästhetik“, also einer philosophischen Lehre von den Gesetzmäßigkeiten der Kunst, die hier zur Kunst „des Widerstands“ werden soll.

Das passt natürlich bestens zu heutigen Bewegungen wie den diversen Artivisten, die Kunst und politische Intervention kurzschließen wollen. Also nimmt das HAU den 100. Geburtstag von Peter Weiss in diesem Jahr zum Anlass für ein in sehr unterschiedliche Richtungen ausgreifendes Festival unter dem Titel des berühmten (vielleicht auch: berüchtigten) Romans. Die Großvokabel einer „Ästhetik des Widerstands“ ist ja vielseitig anschlussfähig. Zu sehen sind fünf Auftragsproduktionen von internationalen Regisseuren, die alle, ähnlich wie Weiss in seinen frühen Prosatexten, Politik und biografisches Material verbinden. Guillermo Calderón aus Chile blickt zurück auf den Pinochet-Putsch und fragt nach Perspektiven der radikalen Linken in seinem Land. Oliver Frljic aus Kroatien, der für sein politisches Theater Morddrohungen erhielt, macht engagierte Kunst unter Bedingungen eines nationalkonservativ geprägten öffentlichen Klimas ( Foto). Das Kollektiv „La Re-sentida“ aus Chile untersucht die kapitalistische „Diktatur der Coolness“, in der noch jede Geste des Protests zum radical-chicen Distinktionsmerkmal wird. Rabih Mroué aus dem Libanon arbeitet wieder mit Dokumentarmaterial politischer Gewalt.

Wie man die großen, radikalen Fragen, die Weiss zu Revolution und Geschichte als Gewaltzusammenhang stellt, putzig verniedlichen kann, demonstriert bedauerlicherweise ein Künstlerkollektiv namens AlexandLiane: Weil es in der „Ästhetik des Widerstands“ ja irgendwie um „die Notwendigkeit des Störens“ geht, werden sie „eine Unkrautfarm entstehen lassen“, auf der „Pflanzen, welche zumeist als wertlos angesehen werden“, blühen. So kann man Peter Weiss natürlich auch missverstehen, bis der letzte apolitische Urban Gardening-Spießer sich damit wohlfühlt.
Peter Weiss im Orginal gibt es natürlich auch: In einer auf mehrere Tage verteilten Lesung arbeiten sich Schauspieler wie Sandra Hüller, Nina Kronjäger, Mira Parteke, Robert Stadlober oder Fabian Hinrichs und der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl durch den Roman, gerne auch mal performativ und immer mit kurzen Einführungen, so dass auch Nicht-Roman-Kenner sich schnell im Stoff zurechtfinden – eine bessere Möglichkeit für ein erstes Kennenlernen des Romans dürfte es kaum geben. Es lohnt sich, sich durch den Steinbruch dieses Buches zu arbeiten, das für den Berliner Schriftsteller Ulrich Peltzer eines „der grandiosesten Prosastücke, die nach dem Zweiten Weltkrieg in deutscher Sprache geschrieben worden sind“, ist, – und für Heiner Müller nicht weniger als „ein Jahrhundertwerk, eine andere Suche nach der verlorenen Zeit“.

HAU 28.9.– 8.10. Alle Termine und Veranstaltungen siehe www.hebbel-am-ufer.de

Peter Weiss lesen
Zum Geburtstag von Peter Weiss bringt der Suhrkamp Verlag sein Hauptwerk „Die Ästhetik des Widerstands“ in einer Fassung letzter Hand heraus, die die unterschiedlichen Fassungen der westdeutschen und der in der DDR erschienenen Ausgaben berücksichtigt: Die Möglichkeit, einen Klassiker wieder zu entdecken (1.200 Seiten, 38 Euro, erscheint im Oktober)
In der Bibliothek Suhrkamp ist das Frühwerk „Das Gespräch der drei Gehenden“ neu erschienen, ein Stück experimenteller Prosa, entstanden vor Weiss’ Hinwendung zum Marxismus, ein unaufhörliches Selbstgespräch: „Alles, was gesagt wird, wird ständig zurückgenommen, so dass man immerzu zweifelt, was nun wirklich gesagt worden ist. Alles, was gesagt wird, existiert nur im Bereich des Möglichen, aber es könnte ebensogut anders sein“, schreibt Weiss selbst über diesen hermetischen Text. (92 Seiten, 9,95 Euro)
Ebenfalls zum Geburtstag des Autors macht Suhrkamp mit einer neuen, preisgünstigen Gesamtausgabe seine Hautwerke wieder verfügbar (Werke in sechs Bänden, 2.968 Seiten, 128 Euro).

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