Kommentar

„Die Auswahl“ von Peter Laudenbach

Wenn die Jury des Berliner Theatertreffens ihre Auswahl der zehn „bemerkenswerten“ Inszenierungen der Spielzeit bekannt gibt, setzen einige bewährte Rituale ein. Zur unvermeidlichen Jury-Schelte gehört die Quotenfrage: Osten! Freie Szene! Frauen! Migranten!

Peter Laudenbach

Zumindest was die Bandbreite betrifft, hat die Jury nach der Sichtung von 377 Inszenierungen in 63 Städten alles richtig gemacht: Klassiker, Freie Szene, Roman-Adaption, Performance, Osten – alles dabei.
Ulrich Rasches „Räuber“-Inszenierung vom Residenztheater München beweist, wie gegenwärtig ein Klassiker sein kann: Die wütende Männerhorde, die den Staat verachtet, wirkt plötzlich wie ein Pegida-Vorläufer. Aus Leipzig kommt Claudia Bauers Bühnen-Version von Peter Richters Wende-Roman „89/90“, vom Hamburger Thalia Theater Johan Simons’ „Schimmelreiter“, aus Basel Simon Stones Tschechow-Überschreibung „Drei Schwestern“, aus Mainz „Traurige Zauberer“ des prätentiösen Thom Luz. Stark vertreten sind Grenzgänge zwischen Performance, Installation und Theater.
Milo Raus „Five Easy Pieces“, eine Koproduktion der  Sophiensaele, ist eine bedrückende Recherchearbeit über den belgischen Kindermörder und Vergewaltiger Marc Dutroux. Kay Voges, Intendant am Schauspiel Dortmund, ist mit seiner „Borderline Prozession“ zum ersten Mal zum Theatertreffen eingeladen. Ersan Mondtag begibt sich mit „Die Vernichtung“ auf einen psychedelischen Höllentrip. Der Performance-Veteran Tim Etchells kommt mit der Gameshow „Real Magic“. Und Herbert Fritsch, ein Theatertreffen-Dauergast, sorgt mit der Volksbühnen-Inszenierung „Pfusch“ für gute Laune.

Mehr über Cookies erfahren