Theater

Die Auswahl zum Theatertreffen 2012

Die_spanische_FliegeDie gute Nachricht zuerst: Das Berliner Theater ist besser als sein Ruf. Gleich fünf der insgesamt zehn „bemerkenswertesten“ Inszenierungen der Spielzeit kommen nach Ansicht der Auswahl-Jury des Theatertreffens aus Berlin  – und wer wären wir, an der Urteilskraft der Jury zu zweifeln. Gleich dreimal ist die Volksbühne vertreten – völlig zu Recht angesichts dieser drei jeweils auf eigene Weise radikalen und entschiedenen Inszenierungen: Der acht-Stunden-Exzess „John Gabriel Borkman“ (Regie: Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen), die Brecht-Übermalung „Kill your ­Darlings! Streets of Berladelphia“ (Regie: Renй Pollesch) und „Die [s]panische Fliege“, Herbert Fritschs Neudefinition eines rasanten Volkstheaters. Eines sind die drei Volksbühnen-Produktionen bestimmt nicht: Laues, routiniertes Mittelmaß, das es sich im guten Handwerk gemütlich macht. Schöne Pointe am Rande ist, dass die lange arg runtergekommene und orientierungslos wirkende Volksbühne, von der man eigentlich dachte, dass sie ihre großen Tage längst hinter sich hätte, noch oder wieder in der Lage ist, drei solche erstaunlichen Knaller rauszubringen.
Aus dem HAU hat die Jury, kleines Abschiedsgeschenk an den scheidenden Intendanten Matthias Lilienthal, zwei höchst unterschiedliche Inzenierungen eingeladen: Gob Squads hinreißendes Stück über den Kinderblick auf die seltsamen Rituale des Erwachsenenlebens Before Your Very Eyes und die semidokumentarische Inszenierung Hate Radio über einen Radiosender, der in Ruanda sehr wirkungsvoll Propaganda für den Völkermord gemacht hat (Regie: Milo Rau).

Für die schwere Klassikerware sind beim Theatertreffen die Bühnen außerhalb Berlins zuständig: Vom Hamburger Thalia Theater kommt Nicolas Stemanns kluge Auseinandersetzung mit dem deutschen Großklassiker schlechthin: Goethes  Faust I+II. Vom Wiener Burgtheater kommt Anton Tschechows, ­Platonov, in Alvis Hermanis Inszenierung, die nach der Premiere die Kritik deutlich gespalten hat:  Hermanis hat offenbar den Leerlauf, das verfehlte Leben, von dem Tschechow erzählt, seinerseits in den Leerlauf seiner Inszenierung übersetzt. Das kann anstrengend sein. Oder faszinierend. Aus Bonn kommt Ein Volksfeind (Regie: Lukas Langhoff). Shakespeares blutiger  Macbeth, Regie: Karin Henkel, kommt von den Münchner Kammerspielen, ebenso, ein nicht weniger verstörendes Stück, Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose von Sarah Kane, in der Regie von Johan Simons. Wir sind gespannt.    

Text: Peter Laudenbach
Foto: Thomas Aurin

Theatertreffen 2012
4. – 20.5.
Der Kartenverkauf beginnt am 14.4., Karten-Tel. 25 48 91 00

Mehr über Cookies erfahren