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„Die Brüder Karamasow“ an der Volksbühne

Das Innere der Volksbühne hat sich in eine dunkle, verführerisch funkelnde Höhle verwandelt. Wenn das Totenreich ein Vorzimmer mit Glam-Appeal hat – so könnte es aussehen. Vor den schwarz gestrichenen Wänden weht ein Glitzervorhang, in der Tiefe der Bühne steht das Haus der Karamasows, ein schwarzer Kasten. Im Rücken der Zuschauer flimmert eine Cola-Leuchtreklame in kyrillscher Schrift, Bretterverschläge schaffen schwer einsehbare Nischen. Bert Neumann hat die Stuhlreihen entfernt und die zur Bühne abfallende Schräge asphaltiert. Man sitzt (und dämmert irgendwann) auf großen, ebenfalls schwarzen und erstaunlich bequemen Sitzsäcken.
Das Asphalttheater lässt sich als sehr elegante, spöttische Antwort auf die inflationäre Mode des Theaters im öffentlichen Raum verstehen. Mit der neuen Raum-Setzung, seiner letzten Bühnen-Installation, setzt Neumann den Rahmen für die gesamte Endphase der Castof-Volksbühne.
In diesem Raum des Todes, zu Beginn seiner vorletzten Volksbühnen-Spielzeit, inszeniert Castorf „Die Brüder Karamasow“, den metaphysischen 1000-Seiten-Krimi seines Lieblingsautors Dostojewski wie eine Summe. Es  ist der vorläufige Abschluss seiner über anderthalb Jahrzehnte, seit seiner „Dämonen“-Inszenierung betriebenen Auseinandersetzung mit dem Gottsucher-Nihilisten-Werk Dostojewskis, dem westliche Rationalität und Dekadenz so suspekt sind wie die reaktionäre Orthodoxie.
Trotz der gut sechseinhalb Stunden ist die Aufführung erstaunlich klar und konzentriert erzählt – ein Meisterwerk. Bei aller Freude am bewährt überschießenden Hardcore-Spiel decken die üblichen Hysterie-Schübe, Durchhängerschleifen und entregelten Delirien den Kern der Erzählung und den Schrecken angesichts einer von Religion befreiten Welt, in der alles erlaubt ist, nicht zu: Castorf, der alte Aufklärungsskeptiker, macht Ernst mit der Dostojewski-Frage, was uns ohne Transzendenz und Jenseits-Hoffnung vor der Barbarei bewahrt. Sein Allstar-Ensemble ist bestens aufgelegt. Hendrik Arnst als Lüstling Karamasow ist eine Sensation, hart und kaputt und jovial – ein Monster, das die Ermordung durch einen seiner Söhne redlich verdient hat. Alexander Scheer tobt als Iwan Karamasow atemberaubend durch den Abend und über das Dach der Volksbühne, Marc Hosemann als sei Bruder Dmitrij hat die nötigen Abgründe, Sophie Rois ist als ihr illegitimer Halbbruder zum Hinknien, Daniel Zillmann als ihr religiös empfindlicher Bruder Alexeej ist eine Entdeckung.
Eine der vielen Fragen, über die man an diesem Abend ins Grübeln kommt, ist, wie es Castorf schafft, seine Kunst bei aller Variation vertrauter Stilmittel immer weiter zu entwickeln. Gott ist vielleicht tot, obwohl Dostojewski-Leser sich da nicht sicher sein können. Die Volksbühne ist, allen vorschnell ausgestellten Totenscheinen zum Trotz, offenbar ziemlich lebendig.   

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

Volksbühne Fr 20., Fr 27.11., 18 Uhr, So 22., So 29.11., 16 Uhr, Karten-Tel.: 240 65 777

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