Theater

Die Bühnen-Vorschau 2012

Rene_PoleschDas Theaterjahr beginnt anstrengend: Gleich Anfang Januar widmet sich Claus Peymann am Berliner Ensemble mit Büchners „Dantons Tod“ dem Scheitern der Französischen Revolution, die sich im Moral-Terror-Regime der Jakobiner selbst zerlegte. Was dabei verheerendere Wirkungen auf die Laune des Betrachters hat – Büchners tragischer Stoff oder Peymanns Regiekünste – ist eine durchaus offene Frage, deren Lösung wir mit Spannung entgegensehen. Auch am ehrwürdigen Deutschen Theater geht es bei den Premieren nur begrenzt harmoniebedürftig zu. Jette Steckel inszeniert mit Sartres „Die schmutzigen Hände“ eines der großen ideologie-skeptischen Thesenstücke des vergangenen Jahrhunderts: Kommunismus, Bürgerkrieg, Verrat sind die ungemütlichen Themen. Vor vielen Jahren hat Castorf den Stoff für einen sarkastischen Kommentar zum jugoslawischen Bürgerkrieg genutzt. Feinsinniger, wenn auch nicht unbedingt übertrieben fröhlich, dürfte am gleichen Haus Tschechows „Der Kirschgarten“ in Stephan Kimmigs Regie werden. In den DT-Kammerspielen kommt das hierzulande noch unbekannte Stück „Die Kommune“ des gefürchteten Dogma-Filmers Thomas Vinterberg zur Aufführung: Freiheitsversprechen treffen auf gruppendynamischen Psychoterror, auch dies vermutlich nicht unbedingt ein Abend der ungebremst guten Laune.

Gespannt darf man, ebenfalls in den DT-Kammerspielen, auf die Adaption von Ulrich Pelzers klugen Berlin-Roman „Teil der Lösung“ sein. An der Volksbühne hat Renй Pollesch zumindest eine sehr klare Forderung, der wir als Theaterkritiker immer gerne nachkommen: „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia.“ Themen, unter anderem: „Die gewaltsame Unmenschlichkeit des Kapitals breitet nichts anderes aus als die Simultanität des Singulären – gesetzt jedoch als die indifferente und austauschbare Partikularität der Einheit der Produktion und des Pluralen – gesetzt jedoch als das Netz der Warenzirkulation.“ (Jean-Luc Nancy). Alles klar – und warum auch nicht.

Am Maxim Gorki Theater geht es mit Klassikern auch nicht beschaulicher zu: Sebastian Hartmann, der wohl ganz gerne in Berlin Intendant werden würde, inszeniert wieder mal eine Roman-Adaption, Hans Falladas „Der Trinker“. Und weil wir schon bei ungesunden Lebensweisen sind: Ein ganzes Wochenende widmet das Gorki dem Tagebuch-Werk Einar Schleefs. Neben all diesen anstrengenden, konfliktträchtigen, durchweg ungemütlichen Veranstaltungen will ausgerechnet die Schaubühne, die sich sonst immer so gerne gesellschafts- und kapitalismuskritisch spreizt, für Schönheit und Wohlklang sorgen, genauer für Johann Sebastian Bachs Werk „Das wohltemperierte Klavier“. David Marton, derzeit einer der spannendsten Regisseure zwischen Schauspiel und Musik-Theater, wird eine szenische Adaption mit Schauspielern und Musikern inszenieren, darauf freuen wir uns jetzt schon mal.

Weniger Anlass zur Freude als zur Heiterkeit ist uns Volker Löschs ebenfalls an der Schaubühne angedrohter Versuch, im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten das Kriegsheimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert zu inszenieren. Anschließend widmet sich Thomas Ostermeier mit Ibsens „Ein Volksfeind“ dem ersten Öko-Stück, in dem auch gleich vorgeführt wird, welche neurotischen Rechthabereien gelegentlich mit den Versuchen, weder mal die Welt zu retten, einhergehen können. Wie es aussieht, werden die nächsten Monate im Theater anstrengend. Da müssen wir durch!

Text: Peter Laudenbach

Foto: David von Becker

 

AUSGEWÄHLTE TERMINE

Januar

„Storm End Come“
Choreographie von Yasmeen Godder aus Tel Aviv. Recherche zu Zuständen der Ekstase. Das Forschungsprojekt begann mit dem Stück „Singular Sensation“, das 2009 am HAU zu sehen war.
19.-21.1., HAU 2

„Tancredi“ Im Alter von 21 Jahren komponierte Gioachino Rossini seine erste opera seria, auf die selbst Richard Wagner in den „Meistersingern“ referiert. Pier Luigi Pizzi inszeniert die Geschichte um die Folgen des Bürgerkriegs auf Syrakus.
22.1., Deutsche Oper

„Political Mother: The Choreographer’s Cut“ Abschluss der spielzeit’europa 2011/2012. Hofesh Shechter (Musik und Choreographie) lässt die Neubearbeitung des Werkes aus dem Jahre 2010 mit 24 Musikern und 16 Tänzer zu einem Kunstwerk an der Schnittstelle von Konzert und Tanztheater verschmelzen.
27.+28.1., Haus der Berliner Festspiele

Februar

„Der Trinker“ Sebastian Hartmann, Intendant des Central-Theaters Leipzig, inszeniert Hans Falladas 1947 posthum veröffentlichten Roman, der autobiographische Elemente enthält..
4.2., Maxim-Gorki-Theater

„Orest Reloaded“ Musiktheaterprojekt nach Georg Friedrich Händel. Gastspiel des Lichthof Theaters Hamburg.
4.+5.2., Maxim-Gorki-Theater

„Human Requiem“ Im Rahmen seiner Reihe „Broadening the Scope of Choral Music“ präsentiert der Rundfunkchor
Berlin Johannes Brahms‘ „Ein deutsches Requiem“ in Zusammenarbeit mit der Compagnie Sasha Waltz & Guests.
11.2., Radialsystem V

„Die sieben Todsünden“ Ballett mit Gesang von Kurt Weill. Mit Dagmar Manzel.
12.2., Komische Oper


März

„Al Gran Sole Carico D’Amore“ Die Koproduktion der Berliner Staatsoper mit der Salzburger Felsenreitschule eröffnet dem
hiesigen Haus eine neue Spielstätte. Das Revolutions-Epos von Luigi Nono wird von der Regisseurin Katie Mitchell und dem
musikalischen Leiter Ingo Metzelmacher nach den Salzburger Festspielen 2009 für Berlin neu eingerichtet.
1.3., Ehemaliges Heizkraftwerk Mitte

„Zwei Krawatten“ Revuestück von Georg Kaiser. Ein Berliner Kellner gerät durch den Tausch einer Krawatte unversehens nach New York. Für die Musik zeichnet sich das Incredible Herrengedeck verantwortlich.
13.3., Heimathafen Neukölln

„Murmel Murmel“ Herbert Fritsch, einst Ensembleschauspieler am Haus, inzwischen gefeierter Regiestar, bringt Dieter Roths Werk zur Uraufführung an. Der Schweizer Vertreter der konkreten Poesie und Aktions- und Objektkünstler fungierte nicht nur als innovativer Akteur der bildenden Kunst, sondern war auch für seine dezidierte Sprachkritik bekannt.
28.3., Volksbühne

 

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