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Die deutsch-türkische Kinderoper „Ali Baba“ an der Komischen Oper

Ali_Baba_und_die_40_RaeuberAls die Komische Oper bei dem türkisch-kurdischen Komponisten Taner Akyol eine Kinderoper zum Märchen „Ali Baba und die 40 Räuber“ in  Auftrag geben wollte, war der Musiker etwas überrascht. „Warum ich?!“ fragte der 35-Jährige, der noch nie zuvor eine Oper komponiert hatte. „Eben deswegen“, antworteten Intendant Barrie Kosky und sein Dramaturg Ulrich Lenz. Sie wollten jemanden, der die Brücke zwischen Türkei und Deutschland, Okzident und Orient kennt und in einer Oper damit spielen kann.

Herausgekommen ist ein flirrender, fliegender Notenteppich voller  Knüpfmuster und Repetitiv-Motive. Es klingt wie Strawinsky alla turca. Wie zentraleuropäische Moderne, eingeatmet durch die narkotischen Nebel einer Wasserpfeife. Das Premieren-Publikum fühlte sich zum Rhythmusklatschen schon nach der Pause animiert (was bei Opern-Uraufführungen in Mitteleuropa sonst eher selten vorkommt). Eine neutönerische Entführung in den Serail, samt meuchelnder Räuberbanden und gevierteilter Spitzel. Weil die 40 Räuber am Ende so hübsch in Ölfässern verpackt und dingfest gemacht sind, kümmert niemanden mehr, dass Ali Baba sich eigentlich an Verbrecher- und Hehlerware bereichert hat. Diebesgut, alles gut. Wie schön.
Seit 1996 lebt Taner Akyol in Berlin, schon die Ferien verbrachte er immer bei der Oma in Deutschland. Er gehört zur dritten bis vierten Generation türkischer Auswanderer. „Ich bin kein Migrant“, sagt er und macht allem postmigrantischen Theaterdusel einen feinen Strich durch die Rechnung. Eigentlich handle es sich nicht einmal um eine deutsch-türkische Oper. „Nennt man etwa ‚Rigoletto‘ eine deutsch-italienische Oper, nur weil auf Deutsch gesungen wird?!“

Ali_Baba_und_die_40_RaeuberAkyol ist stolz darauf, keine Synthese aus Ost und West zusammengebraut zu haben. „Ich kenne viel europäische Musik, in der türkische Instrumente vorkommen, und hatte immer Probleme damit.“ Man müsse etwas schreiben, das „kein Mischmasch“ ist. Folglich klingt die osmanische Kegeloboe Zurna bei ihm genauso spitz und durchdringend wie auf einer türkischen Hochzeit. Und die Zylinderflöte Kaval so meditativ versunken wie bei einem anatolischen Schafbauern.
Akyol selbst spielt auch im Orchester mit: die Saz, eine Langhalslaute (Baglama). In Berlin unterrichtet er 40 Saz-Schüler, die mit dem Instrument sogar bei „Jugend musiziert“ Preise abgeräumt haben. „Es gibt 3?000 Saz-Spieler in Berlin“, so Akyol.
Der Komponist ist befreundet mit dem türkischen Pianisten Fazil Say. Ihm wird in Istanbul zurzeit der Prozess wegen angeblicher Islam-Beleidigung gemacht. Say hatte einen ironischen Twitter-Beitrag weitergetwittert. „Fazil wollte zur Premiere nach Berlin kommen“, erzählt Akyol. „Mit dem Prozess wird ein Versuch gemacht, ganz oben anzufangen, um die politische Linke unter Druck zu setzen“, ist der Komponist überzeugt. „Wenn man gegen das fundamentalistische türkische Regime Position beziehen muss, so werde ich es tun. Demokratisch ist dieses Regime nicht!“

Etliche der Lieder, die Takyol für Maria Farantouri komponierte, werden gleichfalls bald an der Komischen Oper aufgeführt. Ungewöhnlich genug. Außerdem handelt es sich bei der Komischen Oper um das einzige Haus in Berlin, wo nicht nur türkisch übertitelt wird, sondern die Kinder- und Jugendsparte direkt in der Dramaturgie beheimatet ist – und die Kinderoper auf der großen Bühne gespielt wird. Vorbildlich. Die übrigen Opernhäuser in Berlin stellen ihrer Education-Arbeit höchstens Foyers und Werkstatt-Bühnen zur Verfügung. Dabei besteht der türkische Witz von „Ali Baba“ gerade darin, dass man hier 40 Räuber und Unmassen von Mitwirkenden über die große Bühne jagt. Man kann sogar Geld damit verdienen. Alle Vorstellungen sind so gut wie ausverkauft.

Text: Kai Luehrs-Kaiser
Fotos: Bettina Stoess


Termine: Ali Baba und die 40 Räuber
in der Komischen Oper,
ab Do 8.11.2012,
Karten-Tel.: 47 99 74 00

 

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