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Die Forsythe Company gastiert mit „Decreation“ bei Spielzeit’europa

DecreationEine einzelne Frau irrt durch diesen Garten zerstörter Leiber, murmelt zusammenhanglose Wor­te in sich hinein, verzieht ihren Körper in bizarre Deformationen. Es ist Krieg in „Decreation„. Vor fünf Jahren, als William Forsythe das Stück in Frankfurt am Bockenheimer Depot herausbrachte, saßen die Zuschauer ebenso ratlos wie bestürzt davor. Sicher, experimentell waren die Arbeiten des Choreografen, der das Frankfurter Ballett mit seinen fantastischen Stücken weltberühmt gemacht hatte, schon immer gewesen. Seit einigen Jahren auch schon waren die Arbeiten noch einmal verfremdeter, sperriger geworden.

Die berühmten Forsythschen Zerlegungen des klassischen Ballettvokabulars waren bereits einer Art schlingenpflanzenartiger Tanzsprache gewichen. Aber jetzt das. Es sei, als sähe man schmerzgepeinigte Spastiker mit ihren Zwangsjacken kämpfen, schrieb ein Kritiker über „Decreation„, das jetzt im Rahmen der Spielzeit’europa im Haus der Berliner Festspiele zu sehen sein wird. Inzwischen weiß man, dass „Decreation“ einen Wendepunkt in Forsythes Schaffen markiert. Die bizarre Körpersprache, die Hin­wendung zu anderen Themen, hat er seitdem immer weitergetrieben. Damals, als das Stück entstand, war der Krieg im Irak gerade ausgebrochen. Gleichzeitig war auch in Forsythes eigenem Leben einiges eskaliert. Der Streit mit der Stadt Frankfurt hatte sich zugespitzt, die Auflösung des Frank­furter Balletts war bereits beschlossene Sache. Und Forsythe machte ein Stück, in dem er mit seiner Philosophie brach, die, wie unterschiedlich seine Stücke sonst auch sein mochten, geradezu ausnahmslos gegolten hatte. Denn bis dahin begriff Forsythe seine Tanzkunst als ein geschlossenes, eigenes System. Nicht die Außenwelt war Gegenstand seiner Arbeiten, sondern der selbstreflexive Umgang mit dem eigenen Medium. Gerade durch diese Hermetik, durch die ständige Betrachtung der eigenen Geschichtlichkeit und der eigenen Produktionsbedingungen, wirkten Forsythes Stü­cke wie ein Paralleluniversum, wie ein Spiegel, der auf die Welt zurück­strahlt.

DecreationDecreation“ ist anders, es ist ein Versuch, direkter auf die Vorgänge in der Welt zu reagieren. Der Schock über die eigene Situation, so schien es damals, hatte Forsythe auch zu einer anderen Art der Reflexion im Umgang mit der politischen Weltlage gebracht. Aber natürlich ist sich Forsythe gleichzeitig treu geblieben. Die deformierten Körper, die verzogenen Münder, die stammelnden Worte in „Decreation“ mögen von Kriegsbildern inspiriert sein. Aber gleichzeitig ist ihnen alle Bedeutung, aller Kontext entzogen. Sie sind zu leeren, abstrakten Zeichen umgearbeitet, das macht sie unerträglich und geradezu obszön.Der Titel des Stücks, „Decreation“, bezieht sich auf eine gleichnamige Oper und auf einen Essay der kanadischen Lyrikerin Anne Carson. Darin beschäftigt sich Car­son mit drei Frauenfiguren. Mit der griechischen Dichterin Sap­pho, bei der Carson, die in Montreal klassische griechische und römische Literatur lehrt, chronische Eifersucht diagnostiziert und die sich der Legende nach aus eben diesem Grund von einem Felsen gestürzt haben soll. Mit der Französin Marguerite Poiret, Verfasserin spiritueller Texte, die der Inquisition zum Opfer fiel und 1310 auf dem Scheiterhaufen starb. Sowie mit der Philosophin und Mystikerin Simone Weil, die den Neologismus „Decreation“ prägte und dieses „Dekreieren“ wörtlich an sich selbst vollzog: Sie starb, Gott zu- und allem Irdischen abgewandt, 1943 an Magersucht.

DecreationNatürlich vertanzt Forsythe kei­ne Biografien. Carsons Texte über drei dichtende Frauen, die alle keines natürlichen Todes gestorben sind, sind für ihn nur der Ausgangspunkt für sein ganz eigenes Gewebe aus Wort, Klang und Tanz. Wenn sich die Tänzer am Ende des Stücks um einen großen runden Konferenztisch versammeln, ihre Bürostühle hin und her rücken und zuweilen entsetzlich laut schreien, während sich eine Frau auf der Tischplatte windet und ihr Körper schwarz und schwärzer wird, dann denkt man weniger an Tinte oder andere Schreibflüssigkeiten. Man denkt an das berühmteste Antikriegsballett der Ballettgeschichte: An „Der grüne Tisch“ von Kurt Jooss, 1933 entstanden, in dem schwarz befrackte Herren an einem Konferenztisch sitzen und die Menschheit in einen Krieg stürzen, dem am Ende alle zum Opfer fallen werden. Alle, außer die Täter vom Konferenztisch.

Text: Michaela Schlagenwerth

Fotos: Dieter Schwer

Decreation Haus der Berliner Festspiele, Di 20. bis Do 22.1., 20 Uhr, Karten unter: 25 48 91 00, Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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