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„Die Gespräche der Karmelitinnen“ an der Komischen Oper

Gespräche der Karmelitinnen

Francis Poulencs 1957 in Mailand uraufgeführte Oper „Die Gespräche der Karmelitinnen“ sind in letzter Zeit wieder ziemlich in Mode gekommen. Regisseur Calixto Bieito sagt auch warum: „Heute sind die Menschen voller Angst.“ Und um Angst geht es in Poulencs Oper fast ausschließlich, um „Angst vor der Angst“.
Für seine Inszenierung des ultrakatholischen Werkes an der Komischen Oper hat Bieito weitgehend auf die lustig brachialen Effekte verzichtet, für die er berühmt-berüchtigt ist. Er zerdehnt stattdessen die Handlung mit langen Schweigepausen – klösterliche Einkehr, die Totenwache, das Kriechen der Angst.
Das Bühnenbild (Rebecca Ringst) besteht aus mehrstöckigen Stahlbettgestellen, ein Knast-Panoptikum. Am Bühnenrand Monitortürme mit Schwarzweiß-Bildern von Frauengesichtern. Münder, Hände, katholische Demutsgesten. Und zum Auftakt singt der Chor der Nonnen als einführende Ergänzung ein „Ave verum corpus“.
Die Handlung spielt während der französischen Revolution in der Periode des „Grande Terreur“. Die junge Aristokratin Blanche (Maureen McKay) hat sich aus Lebensangst gegen den Willen von Vater und Bruder für das Klosterleben entschieden. Die Revolutionsregierung lässt das Kloster schließen und plündern. Die Nonnen werden zum Tod verurteilt. Blanche, selbst nicht verurteilt, entschließt sich, den Ordensschwestern aufs Schafott zu folgen. Der revolutionäre Terror wird gewissermaßen von einem Gegenterror des Opfers für den Glauben beantwortet.
Das Opfer ist jedoch eine Versuchung, der man dringlich widerstehen sollte. In Poulencs Oper gehen die Nonnen heroisch ein „Salve, Regina“ singend und betend zum Schafott, das Fallen der Guillotine ist dabei effekthascherisch konkret in Musik umgesetzt. Bei Bieito haben sie zudem das Schild „Hure Gottes“ angehängt bekommen, um ihren solidarischen Opfertod noch zu bekräftigen.
Wie dem auch sei, musikalisch kann man sich über die Aufführung in der Komischen Oper nicht beschweren. Poulencs schwelende, bewusst anachronistisch im spätromantischen Geist gehaltene Musik, die auch ihre Bezüge zum Pomp von Filmmusik der 1940er nicht verleugnet, ist unter der musikalischen Leitung von Stefan Blunier sowohl in ihren schwammigeren wie auch brutaleren Momenten sehr transparent. Das Gestische, das die Aufmerksamkeit darauf lenkt, wie ein jeweiliger Effekt erzeugt werden soll, herrscht vor. Dieser musikalische Humor ist gerade im Zusammenhang mit schier endlosen Opferlitaneien sehr wohltuend. Dazu kommt eine hervorragende Leistung von Chor und Sängerensemble, aus dem Irmgard Vilsmaier als Mutter Marie und Erika Roos als „neue Priorin“ herausragen.

Text: Andreas Hahn

tip-Bewertung: Annehmbar

Gespräche der Karmelitinnen, Komische Oper, Sa 9.7., Sa 16.7., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 47 99 74 00

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