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„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ beim 50. Theatertreffen

DieheiligeJohannaBrechts Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ hat einige Jahre auf dem Buckel, dennoch setzen es die Bühnen in Zeiten kapitalistischer Systemkrisen gerne auf ihre Spielpläne. Denn Brechts Stück von 1929/30  analysiert die Ursachen der Weltwirtschaftskrise, die ja irgendwie wieder oder immer noch auch die unsere ist. Wenn aber Sebastian Baumgarten die „Johanna“ inszeniert, läuft der Hase anders. Baumgarten schlägt erst in den letzten Sekunden einen Haken und eine Brücke ins Heute. Vorher vermeidet er jede schnelle Aktualisierung und beginnt seinen Abend in einem gemütlichen Vorgestern.

Und so steht denn an der Rampe der Züricher Pfauenbühne ein schwarz glänzender Flügel. Der Pianist Jean-Paul Brodbeck begleitet das Brecht-Stück kunstvoll klimpernd den ganzen Abend über, als wäre es ein Stummfilm. Gediegene Unterhaltung bieten auch die Knallchargen, die oben auf der Bühne auftreten. Markus Scheumanns Fleisch­fabrikant Pierpont Mauler ist ein großspuriger Kapitalisten-Cowboy mit breitem Gang und dünnem Stimmchen, Yvonne Jansen trägt als Heilsarmistin Johanna einen Hut, groß wie ein Wagenrad, dessen Krempe bei jedem Schritt nachwippt, Carolin Conrads Maklerin Swift ist extrem hart, wenns um Geschäfte geht, und extrem kurvig um die Hüfte; proletarische Karikaturen gibts im Multipack dazu: ein Russe mit Pelzmütze (Sebastian Braun), ein Suppe schlürfender Chinese (Gottfried Breitfuss). Und die Arbeiterwitwe Lukkerniddle spielt Isabelle Menke als schlecht geschminkte Schwarze mit Afro­perücke. Die Prolos arbeiten an Chicagos Schlachthöfen wahlweise zum Hungerlohn oder werden auf die Straße gestellt. Weil mal wieder eine Fleischfabrik schließt.

Angebot und Nachfrage regulieren das Geschäft. Brecht arbeitet die Funktionsweisen des Kapitalismus mit viel Sinn für Didaktik heraus, wenn er die Geschichte von Fleischfabrikant Pierpont Mauler erzählt. Der maximiert Gewinn, spekuliert erst, verspekuliert sich dann und rettet schließlich Kopf, Kragen und sein Unternehmen, weil er virtuos mit Überproduktion und Verknappung spielt und die Konkurrenz erledigt. Mauler verdient einen Haufen Geld, drückt die Löhne weiter und steht am Schluss doch als Retter da, weil er Arbeitsplätze erhält. Brechts Titelfigur Johanna hat den geschmierten Mechanismen der Kapitalvermehrung wenig entgegenzusetzen. Sie versucht das Elend der Arbeiter erst mit Suppe, Seife, Seelenheil zu mildern, dann mit viel Idealismus Mauler zu bekehren; erst sterbend erkennt sie, dass nur der Systemwechsel Abhilfe schafft: Verglühend haucht sie ihr berühmtes „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“.

Bei Baumgarten geht diese Fabel einer politischen Radikalisierung als flotte Klamotte über die Bühne. Seine Regie distanziert sich witzelnd von Brechts historischen Auswegen aus der kapitalistischen Malaise. Irgendwann tritt übrigens auch Lenin auf, torkelt betrunken über die Bühne, bis ihn die Pfleger aus dem Irrenhaus wieder einfangen. Vor dieser Inszenierung ist keiner sicher, ob er nun rechts oder links steht. Dafür spielt Sebastian Baumgarten auf der Klaviatur der Unterhaltung. Karikatur, Slapstick, Parodie allenthalben, dazu kommen Zitate aus dem popkulturellen Schatzkästlein. Versatzstücke aus „Lucky Luke“, Chaplins „Modern Times“ und auch aus Vampir- und Zombiefilmen können Kenner ausmachen. Und der unterhaltende Furor dieses Abends macht auch vor Brecht selbst nicht halt, zahlreiche Comedy-Verfremdungs­effekte tragen nicht unerheblich zum Amüsement bei. Das Publikum richtet sich in der Unterhaltung gemütlich ein und dann verwandeln sich die Figuren gegen Ende in spidermanartige Comicgestalten, tragen hautenge Trikots in Blau, Weiß und Rot und feiern eine große Party. Im Hintergrund weht die amerikanische Flagge.

Zum Abspann werden für die Applausordnung Ausschnitte aus amerikanischen Filmen der 60er- und 70er-Jahre nachgestellt, die Schauspieler nehmen ihren Applaus entgegen und die Kritikerin begreift.
Diese in den letzten Sekunden formulierte Pointe sitzt ziemlich gut. Schließlich hat Baumgartens Zitatenmaschine ihre Heimat in der Unterhaltungsindustrie und in der Popkultur US-amerikanischer Prägung: Filme, Western, Slapsticks, Comics. Diese Popkultur ist bekanntlich ziemlich strikt der kapitalistischen Logik unterworfen. Und darüber hinaus als Teil der Kultur­industrie relevante Systemstütze. Auf alle Fälle ist sie ein gutes Sedativ. Oder eine Partydroge. Denn wohl wird am Ende des Stücks ein Drittel der Arbeiter an den Chicagoer Fleischfabriken entlassen, wohl kriegt der Rest ein Drittel weniger Lohn, gefeiert wird trotzdem. Gestern wie heute. Das sitzt. 

Text: Ellinor Landmann
Foto: Tanja Dorendorf_t_t_fotografie


Die heilige Johanna der Schlachthöfe
Haus der Berliner Festspiele, Mo 13., Di 14.5., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

 

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