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„Die Jury“ von Peter Laudenbach

Als ich vor zwei Jahren das Angebot angenommen habe, für drei Jahre in der Theatertreffen-Jury mitzuarbeiten, war das ein Akt des angewandten Masochismus. Jemand, der halbwegs bei Verstand ist, tut sich das nicht an. Aber seit wann sind Theater­kritiker halbwegs bei Verstand. Wer im Dienst der Theatertreffen-Jury unterwegs ist, lernt vielleicht mit etwas Glück gutes Theater kennen. Aber mit Sicherheit lernt er mehr Fußgängerzonen, Hotelzimmer und Frühstücks­büfetts, ICE-Züge, Bahnhofs­wartehallen, Flughafen-Sicherheitskontrollen, Pizzerias, U-Bahn-Fahrkarten­automaten, undefinierbare Restaurants und noch mehr Fußgängerzonen kennen, als seiner armen Seele gut­tun. Und alle sehen sie gleich aus, die Hotelzimmer und Fußgängerzonen. Wer im Dienst des Theaters nach Leipzig, Stuttgart, Dresden, Wien, Hamburg, Magdeburg, Rostock, Frankfurt, Dessau, Köln oder München pilgert, lernt, wie hässlich Innenstädte sein können.
Das Schöne an dem Jury-Job ist übrigens nicht nur das Theater, das man sieht, sondern auch das Theater im eigenen Kopf. Man kann sich dabei beobachten, wie man leise, langsam und unaufhaltsam wahnsinnig wird. Wenn Sie irgendwann in einem Theaterfoyer Menschen mit flackerndem Blick, übernächtigten Gesichtszügen und einem an der Hand fest­gewachsenen Rollkoffer begegnen, machen Sie sich keine Sorgen: Die sind nicht gefährlich, die sind von der Jury.

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