Theater

Die Jury

Ein beliebtes Theatertreffen-Ritual muss ich mir in diesem Jahr verkneifen: ­das Gemäkel an der Auswahl der Jury, die wieder mal die wichtigsten Aufführungen übersehen und nur Altherren-Werke, ­Performance-Bohei und politisch fürchter­lich korrekte oder, noch schlimmer, politisch fürchterlich in­korrekte Inszenierungen mit oder ohne Migrationshintergrund eingeladen hat.

Mit solchen und ähnlichen Sottisen konnte man sich immer zuver­lässig durch den Small Talk mit Unbekannten und mehr oder weniger Bekannten am Premierenparty-Buffet retten. Auch nach dem vierten Glas Weißwein kann der Thea­tertreffen-Profi problemlos im Autopilot-Modus sein Gemäkel an der Jury abspulen. Es soll Leute geben, für die die Jury-Schmähung vielleicht nicht die einzige, aber doch die am aus­giebigsten ausgekostete Freude des ganzen Theatertreffens ist. Grundsätzlich gilt: Bei dieser Theatertreffen-Auswahl können nur hoffnungslose ­Ignoranten in der Jury sitzen. Ein Freund von mir hat die Kunst der Jury-Schmähung zu beneidenswerter Perfektion gebracht: Er kann Ihnen jederzeit überzeugend erklären, weshalb eine Aufführung, die er eben komplett durchgeschlafen hat, nichts taugt.

In diesem Jahr wird der Small Talk anstrengender, zumindest für mich. Ich kann das Spiel des Jury-Abwatschens nicht mitspielen. Schon weil ich jetzt selber in der Jury bin. Als ich vor gut einem Jahr gefragt wurde, ob ich mir diesen Job antun möchte, habe ich mich sorgfältig informiert und die entsprechende Fachliteratur konsultiert (John Grisham: „Die Jury“). Ich habe trotzdem zugesagt, selbstverständlich aus den ehrenwertesten Motiven (Ruhmsucht, Geldgier, Luftveränderung).

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Als zwei geschätzte Kollegen zu dem neuen Job gratulierten, versuchten sie erst gar nicht, Häme und blanke Schadenfreude zu kaschieren. Ich hätte misstrauisch werden müssen: Die beiden Veteranen waren in harten Jury-Jahren gestählt und abgebrüht wie die beiden Killer in „Pulp Fiction“. Sie wussten, was auf mich zukommt. Das Theatertreffen geht noch bis zum 18. Mai. Die Auswahl ist natürlich großartig.

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