Theater

„Die Kameliendame“ in der Volksbühne

DieKameliendameClemens Schönborn, ein im Theater etwas unsicher rumarrangierender Filmregisseur, hat an der Volksbühne die „Kameliendame“, nun ja, inszeniert, Alexandre Dumas’ Roman von der entsagungsvoll liebenden, im Herzen reinen Edelkurtisane Marguerite Gautier. Die Veranstaltung ist wenig mehr als ein Star-Vehikel für Sophie Rois. Die gibt routiniert die postfeministische Diva, die alle Romantizismen und weiblichen Opferrollen mit süffisantestem Lächeln unterläuft und verhöhnt. Eine Diva zweiter Ordnung, die sämtliche Grandezza-Posen der Film- und Theatergeschichte vorführt wie Zitate aus dem Fundus. Diese Marguerite Gautier ist natürlich keine „Pretty Woman“-Naive, auch keine in die eigene Schönheit verliebte Schnepfe, sondern eine ­toughe Geschäftsfrau, die gleich in der ersten Szene die 1000-Franc-Scheine bergeweise unter den Holzdielen bunkert. Fiebrige Überspanntheiten, schwüle Boudoir-Stimmungen sind auf dieser weit in den Zuschauerraum ragenden, weitgehend leeren Podest-Bühne nicht zu befürchten.

Auch Marguerites Verliebtheit in Armand (Kai-Ingo Rudolph), einem reinen Toren des Gefühls, etwas begriffsstutzig, aber süß, ist kein Rückfall in die Romantik, sondern fröhlich unverbindlicher Liebeskonsum. Statt besinnungslos zu schmachten, bügelt Marguerite an der Volksbühne lieber Geldscheine. Aber ein Star im Zentrum macht noch keine Inszenierung. Fatal ist, dass um Rois herum nur bessere (Hendrik Arnst) bis unerträgliche (Zazie de Paris) Chargen als Stichwortgeber aufmarschieren. So kommt das Star-Vehikel nicht in Fahrt, und Rois kreist zunehmend im Leerlauf um sich selbst. Schönborns mäßig geistreiche Regie-Idee besteht daraus, in die „Kameliendame“ Passagen aus „La Traviata“ zu montieren, Verdis Bearbeitung des Stoffes. Armand, der jugendliche Liebhaber, ist ein veritabler Opernsänger, dem Rois hingerissen lauscht („Er singt so schön, ich sollte ihm eine Oper kaufen.“). Die Liebesduette entwickeln anrührende Komik, wenn sich Rois’ zartes Krächzen mit dem satten Tenor ihres Galans kreuzt. Ein gutes Kammerorchester und ein Männerchor (Musikalische Leitung: Michael Wilhelmi) retten den Abend passagenweise. Insgesamt mangelt es der Inszenierung entschieden an Tempo, Charme und Intelligenz. Irgendwie nett und irgendwie überflüssig, wie das meiste Theater derzeit, nicht nur an der maroden Volksbühne.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Annehmbar

Die Kameliendame Volksbühne, 1., 27.4., 19.30 Uhr

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