Theater

Die Kontrakte des Kaufmanns im HAU Berlin

UnderworldAm Ende gehen sie alle baden, die Börsianer und die Spekulanten, die Zocker und die Abgezockten und natürlich auch der Chor der geprellten Kleinanleger. Und damit sie baden gehen können, hat Johan Simons für seine Inszenierung von Elfriede Jelineks lustig durchgedrehter Weltwirtschafts­krisenkomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns“ einen großen Swimmingpool auf die Bühne gestellt. Jetzt kommt Simons’ Inszenierung ins HAU.

Elfriede Jelinek hat die Posse zur Krise schon geschrieben, bevor die Krise richtig losging: im August 2008, genau einen Monat vor dem Crash der Investmentbank Lehmann Brothers, der den Absturz der Konjunktur weltweit rasant beschleunigte, jede Menge faule Kredite in den Bilanzen hochspülte und die Staaten zwang, die Harakiri-Banker mit Steuer-Milliarden zu füttern. Vielleicht verstehen Dichter eben doch mehr von der Welt und den Menschen als ganze Horden von Finanzanalysten. Jelineks Mess­instrument für ihre Tiefenbohrungen in der Wirklichkeit ist die Sprache. Weil sie genauer hinhört als alle Börsianer, konnte sie das Irreale des Finanz­welt-Voodoo-Vokabulars nicht überhören – all die Beschwö­run­gen von „Kursfantasie“ und großen Zukunftsvisionen wie in einem kitschigen 70er-Jahre-Theaterstück, all die Versprechungen einer wundersamen Geldver­mehrung, die Luftbu­chun­gen und Luftnummern der Wichtigtuer und Anzugträger, das ganze schlechte Theater des real existierenden Kapitalismus samt der daran hängenden Popkultur, die CEOs zu Heroen und Zo­cker zu Zauberern verklärt. UndergroundIn ihrem Text sorgt Jelinek für verwirrende und komische Rück­kopplungen, Übersteuerungen, Ka­lauerabstürze und verräterische Kurzschlüsse im Sprach­material, bis verzweifelte Kleinanleger keinen anderen Ausweg mehr sehen, als sich selbst und die ganze Familie mit der Axt zu massakrieren und so endgültig alle Positionen glattzustellen. Weil wir alle Teil dieses Spiels sind, spätestens wenn unsere Lebensversicherung oder das Ins­titut, dem wir unsere Altersvorsorge anvertraut haben, unsere Ersparnisse mit Termingeschäften verzockt, gibt es in Jelineks Kapitalmarktanalyse keine simplen Täter-Opfer-Zuschrei­bungen (das bleibt Freunden un­terkomplexer Weltbilder wie Dieter Wedel oder Volker Lösch überlassen), sondern ganz wie im richtigen Wirtschaftsleben nur Marktteilnehmer. Und die gehen am Ende alle wie gesagt und völlig verdient baden.

Text: Peter Laudenbach
Fotos: Phile Deprez/zur BILDERGALERIE

Termine: Underground/Die Kontrakte des Kaufmanns
im HAU 1, Fr 22., Sa 23.1., 19.30 Uhr

 

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