Theater

„Die kosmische Oktave“ in den Sophiensaelen

Johann Wolfgang von Goethe überrascht in den „Wahlverwandtschaften“ mit interessanten familienpolitischen Ideen. Ehen, meint eine Romanfigur, sollten grundsätzlich nur auf Zeit geschlossen werden. „Die Wahlverwandtschaften“ handeln von höchst libertären Partnertauschmodellen in den allerhöchsten Kreisen. Gemessen an den eher spießigen Leitlinien der heutigen Familienpolitik wirkt Goethe tatsächlich wie ein revolutionärer Anarcho.

Und da sich – wie wahrscheinlich jeder einigermaßen zurechnungsfähige Mensch – auch der Regisseur Ulrich Rasche gelegentlich fragt, ob es eigentlich noch andere Verbindlichkeiten, Ideen oder gar Visionen von Gemeinschaft jenseits der „heterosexuellen Familienpolitik“ gibt, lag der Weg zu Goethe praktisch auf der Hand. Weil „Die kosmische Oktave“ in den Sophiensaelen keine literarische Retro-Veranstaltung werden soll, dient der Klassiker eher als Stichwortgeber. Für die Textseite ist der junge Dramatiker Nis-Momme Stockmann zuständig, der Lebensmodelle, Verbindlichkeitsverluste und Liebesskepsis anhand eines ganz heutigen Protagonisten durchdekliniert.

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Rasche unterzieht die Möglichkeiten der Gemeinschaftsbildung dem theatralen Praxistest: Sieben Schauspieler, darunter Hochkaräterinnen wie Corinna Kirchhoff oder Bettina Hoppe, vier Musiker und ein Tenor bilden einen Chor, der sich auf drei Laufbändern bewegt und während des Abends in verschiedene Konstellationen aufspaltet und wieder zusammenfindet. Die kongeniale Minimal Music stammt von Ari Benjamin Meyers. Die These des Abends: „Aufgrund unserer übersteigerten Intellektualität“, so Rasche, „können wir keine Verbindlichkeiten mehr herstellen.“    

Text: Christine Wahl

Foto: David Balzer

„Die kosmische Oktave“? Sophiensaele, Fr-So 21.-23.3. und ?Di/Mi 25./26.3., Karten-Tel. 283 52 66 

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