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„Die Kunst war viel populärer“ in der Volksbühne

DieKunstWarVielPopulaererDie Parole, die irgendwann auf einem großen Prospekt steht, muss ironisch gemeint sein: „Don’t look back.“ Das war einmal ein Claim der Volksbühne und der Titel von D.A. Pennebakers Dylan-Film. In Renй Polleschs neuer Volksbühnen-Inszenierung „Die Kunst war viel populärer, als Ihr noch keine Künstler wart!“, einem neuen Textbaustein seiner Never-Ending-Diskurs-Pop-Revue, ist die Warnung vor dem Blick zurück schön vielschichtig: selbstreferenzielle Schleife zurück in die Volksbühnen-Historie, die sich in Bert Neumanns Bühnenbild, das mit schwer in Öl gemalten Prospekten und Wald-Soffitten wohlig die Ausstattungskünste des 19. Jahrhunderts zitiert, lässig zum Blick zurück auf das ganz alte Theater weitet. Dem entspricht das fröhlich rumpelnde Spiel. Der lustig überdrehte Marc Hosemann gibt ohne Rücksicht auf Verluste mit Karacho den Schmieranten wie nur ein toller Schauspieler den Schmieranten geben kann, ohne in der Schmiere zu ertrinken. Er kostet als Old-School-Opernsänger das Künstler-Bohei aus und rennt dabei gerne wie ein Hochstapler der Künste über die Bühne und holt sich von der auf der Bühne stehenden Souffleuse seine Stichworte ab: Boulevard auf Speed. Zu Verdi-Arien aus dem Off ergehen sich die Damen Marlen Diekhoff, Christine Groß, Silvia Rieger und Catrin Striebeck in wallenden Gewändern gerne in pathetischen Posen und recken ihre Arme feierlich gen Bühnenhimmel, dass es eine sinnfreie Freude ist. Theater als trashige Raubkopie des abgestandenen Ausdrucksvokabulars aus dem historischen Fundus.

Solch ironische Nostalgie legt die Vermutung nahe, das Theater als solches sei in Wirklichkeit längst ein Zombie, ein Untoter, der regelmäßig aus seinem modrigen Grab klettert und seinen Opfern mit den vorletzten Zuckungen einer abgestandenen Kunst den Schlaf und Seelenfrieden raubt. Mit diesem wehmütig-spöttischen Blick zurück korrespondiert der Text, der neben dem pollesch-üblichen Subjekt-Objekt-Körper-Bewusstsein-Durcheinander gegen die Zumutungen der modernen Arbeitswelt schön wertkonservative Gegenpositionen formuliert: Wenn sich überall die Subjekte samt ihren Gefühlen und dem mühsam polierten Attraktivitätsüberschuss verkaufen müssen, statt einfach nur für ihre Kompetenz und Arbeitsleistung bezahlt zu werden, wenn die Akteure nur noch als „hochspezialisiertes Selbst, das nicht mehr anschlussfähig ist“, durch den Arbeits- und Liebesmarkt stolpern, wird die Vorstellung der sauber altmodisch entfremdeten Arbeit plötzlich ungemein attraktiv. Oder, wie Marc Hosemann sagt, während er die Bühne einnebelt bis sie so undurchsichtig ist wie die Verhältnisse: „Man ist doch schon froh um jeden, der sich nicht mit seinem Arbeitsverhältnis identifiziert.“ Genau. Bild und Ton, der Verweis auf alte Bühnenwelten und das Durchkauen der Emotionen saugenden Arbeitswelt, reagieren dabei präzise aufeinander, ist doch der Künstler, der nichts zu verkaufen hat als seine Subjektivität, das Role Model der modernen Angestellten, die immer auch als spannende Persönlichkeiten performen wollen. Das alte Avantgarde-Theater, das von Castorf vorneweg, das auf Persönlichkeiten statt auf perfekte Schauspiel-Technik setzte, wird in dieser Perspektive zum Vorreiter der kapitalistischen Innovationsschübe.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Sehenswert

Die Kunst war viel populärer,
als Ihr noch keine Künstler wart!
Volksbühne, 30.6., 7.7., 19.30 Uhr,
Karten-Tel.: 240 65 777

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