Gegenwartstheater

„Die letzte Station“ im Berliner Ensemble

Ersan Mondtag, der begabte junge Regisseur, geht ins Altersheim: „Die letzte Station“. Wer dort seine Tage verbringt, dessen Tage sind gezählt

Foto: Armin Smailovic

Gutes Timing: Seinen Abend über das Sterben und das, was davor kommt, das Verdämmern und Verirren im Gestrüpp der Erinnerungen, hat Ersan Mondtag pünktlich in die Weihnachtszeit platziert, schließlich bleibt bei Familienfesten die Erinnerung an die lieben Toten nicht aus. Also steht auf der Bühne des Kleinen Hauses des Berliner Ensembles ­neben ­einem Wäldchen abholbereiter Tannen auch der Rohbau eines an den Seiten offenen Holzhäuschens samt Krippenstroh und Ofen (Bühne: Stefan Britze). Aber auch wenn das Setting unverbindlich an christliche Mythologie und Adventsbrauchtum andockt, handelt es sich bei der zugigen Herberge weniger um eine Geburts- als um eine Endstation. Wer dort seine Tage verbringt, dessen Tage sind gezählt.

In diesem Heim verlorener ­Seelen hat sich ein mal den gemeinsamen Gesang probender, mal eigenwillig tanzender oder im Parkinson-Zittern zuckender Bewegungschor aus offenbar recht lebensfroh am Diesseits hängenden ­Alten eingerichet. Judith Engel spielt die gestrenge Chorleiterin dieses Ensembles als schrullige, schön entrückte, auf altmodische Weise elegante Dame, die möglicherweise schon lange in ihrer ganz eigenen Welt lebt. Im Alter ­verschwinden Kleinigkeiten wie ­Realität, ­Vernunft oder Gegenwart offenbar unmerklich in einem angenehm verträumten Dämmerzustand. Bei den Damen und Herren des Chors handelt es sich um die ­Tänzer des Dance On Ensembles (Ty ­Boomershine, Brit ­Rodemund, Christopher Roman, Jone San Martin, Fréderic Tavernini). Aber auch wenn sie es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihre Kunst vom Fetisch der Jugendlichkeit zu befreien und zu zeigen, dass Tänzer mit den Jahren interessanter und nicht müder ­werden (was ihnen, ­nebenbei gesagt, an diesem Abend auf das Schönste gelingt), sind sie in dieser seltsamen Inszenierung eben doch Vorboten dessen, was auf uns alle früher oder später wartet: „Die letzte ­Station“, das Pflegeheim als Vorhof des ­Endes auf dem Friedhof.

Weil Ersan Mondtag, vermutlich die begabteste, aber auch die rätselhafteste der ­jungen, aufstrebenden Regiekräfte, sich gerne im Bilderarsenal des Horrorfilms bedient, bleibt die Parade der Untoten nicht aus – „The Walking Dead“ hat er ja schon in seiner „Antigone“-Inszenierung am ­Maxim Gorki Theater zitiert. Hübsch makaber ist denn auch, wie die Weihnachts- und Oster-Geschichte als Zombie-Märchen verstanden wird: „Am Anfang gibt es einen Stern und am Ende einen Untoten“. So kann man die Auferstehung Jesus natürlich auch sehen.

Interessanter, auch berührender als solche Scherze ist, wie Constanze Becker die offenbar leicht demente Hanna spielt – eine mädchenhafte Alte, die momentweise wieder ganz kindlich wird. Ihre Bewusstseinströme mäandern frei und scheinbar regellos durch die Zeiten ihres Lebens, von ihren beiden Kindern zu Momenten ihrer eigenen Kindheit, von der Tragödie des Todes ihres Kindes zu ihrem Weg ins Pflegeheim, als ihr Mann sie nicht mehr versorgen kann. Im weißen Nachthemd ist diese Pflegeheimbewohnerin ein seltsam heiteres Wesen, begleitet von einem kleinen Mädchen – wie ein Echo des Mädchens, das sie vor langer Zeit selbst einmal war. Zunehmend gerät man in den Sog ihres Erinnerungs- und Assoziationsstroms, ohne dass die Inszenierung ins Gefühlige abrutscht. Ersan Mondtag gelingt mit ­dieser Inszenierung das Kunststück, seinen eigensinnigen Formwillen mit der Innenansicht eines empfindlichen ­Menschen zu verbinden. Statt, wie in seinen früheren Arbeiten, vor allem auf starke Bildwirkungen zu setzen, begibt er sich in das Labyrinth der Bewusstseins­zustände einer alten Frau, was natürlich auch eine vorsichtige, angenehm unsentimentale Auseinandersetzung mit der Zerbrechlichkeit dieses (und jedes) Menschen ist.

Berliner Ensemble Kleines Haus, Eintritt 22–29 €

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