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"Die Männerspielerin" im Theater Unterm Dach

"Die Männerspielerin" im Theater Unterm Dach

Tagebücher sind normalerweise eine intime Sache, meist zur Selbstvergewisserung und nicht mit dem Ziel einer Veröffentlichung geschrieben. Berühmtes Beispiel dafür ist "Das Tagebuch der Anne Frank". Aber warum publizierten Menschen wie etwa die Schriftstellerin Anais Nin bewusst solche Texte? Oder warum schreiben heute Menschen in Weblogs öffentlich Tagebuch oder posten User in den Social-Media-Kanälen auch die privatesten Dinge? Sind solche Selbstinszenierungen vergleichbar? Dieser ganz aktuellen Frage geht das Theaterkollektiv PortFolioInc. in seinem neuen Stück nach.
Auf zwei Ebenen wird das Theaterexperiment von den beiden Darstellern Judica Albrecht und Thomas Georgi durchgespielt. Zum einem mit Zitaten der um Unsterblichkeit bemühten Autorin Nin, die rund 150 Tagebücher vollschrieb und in einem selbstquälerischen Akt der Selbstverständigung 35.000 Seiten Text hinterließ. Dabei werden ihre Begegnung mit dem Psychiater Dr. Otto Rank und ihrem Geliebten Henry Miller in Szene gesetzt. Zum anderen liegt ein Facebook-User auf der imaginären  Psychiater-Couch und breitet sein frustriertes Innenleben aus.
Der Rollentausch, die dauernde Selbstbefragung, die psychologische Tiefenschichten nach außen kehrt, trägt die Inszenierung von Marc Lippuner und Michael F. Stoerzer. Mono­loge wechseln mit Dialogen, rhythmisierte Sprechoper mit Tanz. Alles auf einer kahlen Bühne, Bild einer Welt, in der alle nur eines tun: sie suchen nach Nähe und Bestätigung. Unterfüttert werden die Texte mit Videoinstallationen und Bildprojektionen, die die entfremdete technische Welt markieren. Stark das Bild, wenn plötzlich die analoge Selbstdarstellerin und der digitale Ich-Inszenierer aus dem dunklen, trockeneisvernebelten Hintergrund im gleichen Kostüm in die Szene kommen. Ein magischer Moment des gegenseitigen Erkennens. Tatsächlich erlebt der Zuschauer immer wieder andere Selbstvergewisserungs-Ichs als Stimmen. So wird klar, dass die zwei Protagonisten für einen kollektiven Zustand stehen. Sharing is caring?
Anais Nin, die in Videosplittern eingeblendet wird, versuchte Leben und Kunst zusammen zu schreiben. "Ich lebe, um zu schreiben, und schreibe, um zu leben." Kreativität war ihr Impuls. Was aber kann mit uns geschehen, wenn wir uns derart öffentlich preisgeben?
In dieser Inszenierung ist der Zuschauer gefordert, ihm werden dauernd Fragen gestellt. Können soziale Medien unser Bedürfnis nach Nähe tatsächlich erfüllen? Was macht unser Selbstwertgefühl nun aus? Das Theaterbild, auch wenn es in Augenblicken nur so von Gefühlen trieft, ist ernüchternd: Der arme Kerl auf der Couch giert nach Likes, der Anerkennungswährung in der Facebook-Smiley-Welt. Und verpasst dabei das richtige Leben.

Text: Axel Schalk

Foto:
Michael Stoerzer

Theater Unterm Dach Sa 19. – So 20.3., 20 Uhr, Eintritt 12, erm. 8 Euro

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