• Kultur
  • Theater
  • Die Opernintendanten Barry Kosky und Hans Neuenfels im Interview

Theater

Die Opernintendanten Barry Kosky und Hans Neuenfels im Interview

Barry-Kosky-und-Hans-NeuenfelsHerr Neuenfels, Sie haben früher viel Verdi inszeniert und inszenieren heute lieber Mozart. Ist Mozart etwas für ältere Männer?
Hans Neuenfels
Glaube ich nicht. Ich habe mit 57 Jahren meinen ersten Mozart inszeniert, die „Entführung aus dem Serail“ in Stuttgart. Man hatte es mir früher nicht angeboten. Das Mozart-Bild war nämlich damals so sehr gefestigt, dass man sich einen so wüsten Menschen wie mich dafür nicht vorstellen konnte. Man dachte, es sei gefährlich für Mozart, das zarte Pflänzchen.

Ist Mozart ein zartes Pflänzchen?
Barrie Kosky Nein, der ist sehr muskulös. Ein Theatertier – so wie Shakespeare, Tschechow und nur wenige andere dieses Kalibers. Mozart ist kraftvoll, nicht zart.

Gilt „Die Zauberflöte“ nicht als die schwierigste Oper überhaupt, weil man immer entweder das Metaphysische oder das Volkstheater daran verfehlt?
Kosky Stimmt. Davor hatte ich auch immer Angst, deswegen habe ich drei oder vier Mal entsprechende Angebote abgelehnt. Ich habe mich einfach nicht getraut. Deswegen muss ich es jetzt aber gerade versuchen! Ich habe in London die Truppe „1927“ entdeckt, die mit Live-Animationen in der Tradition von Alexander Rodchenko und Lotte Reiniger arbeitet. Das war mein Ansatz.

Lotte Reiniger dürften nur noch wenige kennen. Wer war sie?
Kosky Sie war eine der größten deutschen Künstlerinnen. Nur ist sie in Deutschland beinahe vergessen. In den 20er-Jahren hat sie den ersten abendfüllenden Animationsfilm hergestellt. In Berlin. Mit einer Art Scherenschnitt-Ästhetik wird auch unsere „Zauberflöte“ schräg und skurril und stummfilmartig. Mit Zwischentiteln statt Dialogen. So kann das Werk funktionieren. Die „Zauberflöte“ ist nur fatal, wenn man nicht gleichzeitig in mehrere Richtungen denkt. Philosophie und Tingeltangel! Traumwelt und Vaudeville.

Herr Kosky, Ihre neue Inszenierung der „Zauberflöte“ an der Komischen Oper ersetzt die ältere Inszenierung von Hans Neuenfels. Ein heikler Punkt zwischen Ihnen beiden?
Neuenfels
Überhaupt nicht. Meine „Zauberflöte“ ist ja schon während der Intendanz von Andreas Homoki abgespielt worden. Das ging ziemlich rasch. Kosky bin ich dankbar dafür, dass er meine „Traviata“ übernommen hat.

Herr Neuenfels, Sie inszenieren jetzt an der Staatsoper Mozarts „La finta giardiniera“. Früher hieß das Werk: „Die Gärtnerin aus Liebe“. Ist Mozart so possierlich?
Neuenfels Nein, wir haben das Stück deswegen auch umbenannt in „Die Pforten der Liebe“. Ich habe zwei Schauspieler-Rollen, Graf und Gräfin, hinzugefügt und neue Dialoge geschrieben. Die Arien-Texte wurden beibehalten. Die Musik haben wir etwas gelichtet, weil das Stück sonst fünf Stunden dauern würde. Wir brauchen nur drei mit Pause.

Die „Finta“ ist eine Art Münchner Faschingsschwank und liest sich wie eine Screwball-Komödie. Können Sie es so inszenieren?
Neuenfels Nee! Weil es darauf ankommt, genialere Züge freizulegen. Ich meine damit Themen, die bis zu „Cosн fan tutte“ und bis zur „Zauberflöte“ reichen. Also die Identität und Sinnsuche, die Fixierung auf Liebe und Tod. Das ist alles in dieser frühen Mozart-Oper schon angelegt. Es ist die früheste Mozart-Oper, die ich überhaupt machen würde. Ich habe fünf Mozarts inszeniert. Dies ist für mich der letzte. Warum? In meinem Alter ist alles immer das Letzte. Das ist nun mal so.

Sagen Sie das nicht immer?
Neuenfels
Erst seit „Lohengrin“ in Bayreuth sage ich das. Das Theater ändert sich nicht. Aber ich ändere mich und damit verschieben sich die Kräfteverhältnisse. Es wäre eine Lüge, mit 78 Jahren den „Ring des Nibelungen“ inszenieren zu wollen. Das geht gar nicht. Ich werde jetzt nur noch in kleineren Konstellationen arbeiten.

Ist „Finta“ Ihre letzte Opernproduktion?
Neuenfels­
Das ist vielleicht etwas zu pathetisch gesagt. So wichtig nehme ich mich nicht. Danach gibt es vielleicht noch gewisse andere, letzte Werke. (Lacht.) Aber ich habe genug ausprobiert. Und Schauspiel ist genauso aufwendig für mich. Mich interessieren mehr Mischformen.

Herr Kosky, nach Ihrem 12-stündigen Monteverdi-Marathon zum Spielzeitauftakt an der Komischen Oper inszenieren Sie jetzt gleich die „Zauberflöte“. Wie arbeitet es sich im Rausch?
Neuenfels
Er ist ja noch jung.
Kosky Na, hör mal! Ich lebe einfach am besten, wenn ich arbeite. In einem Probenraum zu sein, ist für mich überhaupt nicht anstrengend. Sechs Stunden Mozart zu hören, empfinde ich als Privileg. Das sind meine Vitamine. Ist wie eine Spritze.
Neuenfels Da hat er recht! Ich empfinde es auch als Privileg, ganztägig mit Mozart bespielt zu werden.
Kosky Außerdem bin ich ja nebenbei noch Intendant und muss als Motor des Hauses funktionieren. Wenn ich rotiere, rotiert das ganze Haus. Das ist schon ein bisschen so wie ein Rausch. Allerdings darf man nicht vergessen, dass ich davor dreieinhalb Jahre hatte, um die Sachen in Ruhe vorzubereiten.

Richard Wagner vertrat eine rauschhafte Auffassung der Musik. Herr Neuenfels, ist Ihre Arbeit als Regisseur Rausch?
Neuenfels Ich könnte das gar nicht anders betreiben. Regieführen kann man nur in Form von Besessenheit. Ich habe jetzt zwei Jahre nicht inszeniert, und stelle sofort fest, wie mich das verwandelt hat. Es ist schwer, wieder in diesen Extremzustand hineinzukommen. Theater selbst ist eine Droge. Weil man Dinge erlebt, die man sich sonst gar nicht vorstellen könnte.

Welche außermusikalischen Mittel helfen?
Kosky Ich geh Gassi! Jetzt allerdings nicht, da mein Hund wieder im Hundehotel ist. Die Proben dauern bis zehn Uhr abends. Dann dreht das in mir weiter. Ich schlafe wenig, höchstens sechs bis sieben Stunden. Jüdische Künstler sind meist keine großen Trinker. Ich auch nicht. Einzige Ausnahme: Wodka Martini mit zwei Oliven. Aber das ist verdammt schwer zu kriegen in Berlin.
Neuenfels Meine jüdischen Bekannten wundern sich auch immer, dass ich so viel trinke. Bei mir gibt’s nur Weißwein oder Rotwein. Gewiss trinke ich zu viel und rauche auch zu viel. Mir fehlt auch das Gassigehen, seit unser Hund nicht mehr lebt. Eugen hieß der. Er war immer bei den Proben dabei und hatte für Dichtung viel Verständnis. Wenn bei Goethe der Name „Iphigenie“ fiel, sprang er auf, weil er dachte, jetzt geht’s los.

Woher haben Sie Ihre Reibeisen-Stimme?
Neuenfels
Diese Stimme habe ich, seit ich 16 Jahre alt war. Die Stimme ist stehengeblieben, als ich aus dem Stimmbruch heraus war. Natürlich habe ich durch Zigaretten, mit Rebsaft und anderen Giften ein bisschen assistiert. Ist das nicht normal?

Herr Kosky, kann man als Intendant am eigenen Haus mutiger inszenieren?
Kosky
Die Arbeit ist dieselbe, ob ich hier oder anderswo inszeniere.
Neuenfels Ich wohne seit 30 Jahren in Berlin. Aber ich arbeite hier nicht im Geringsten anders. Beim Inszenieren ist mir meine häusliche Umgebung genauso fremd wie in München, Essen oder Wien. Allerdings glaube ich, dass es als Gastregisseur nicht so leicht ist, die Kräfte eines Hauses so zu bündeln, wie man das als Intendant kann.

Herr Neuenfels, Sie haben inzwischen an allen drei Berliner Opern-Häusern gearbeitet.
Kosky
Und du bist der einzige, der das getan hat, oder?
Neuenfels­ Ich glaube schon. Es ist mir egal, wo ich arbeite. Ich war an der Komischen Oper sehr glücklich mit der „Zauberflöte“, auch mit „Lady Macbeth von Mzensk“. Eine gute Zeit. Trotzdem stimmt es, dass die Deutsche Oper mit den Verdi-Inszenierungen, die ich dort gemacht habe, den größeren Auftritt bedeutete. Es war das größere Haus, das größere Aufsehen. Für mich „durchstoßhafter“ als alles, was danach kam. Das kann man natürlich nicht wiederholen.

Herr Kosky, beneiden Sie Neuenfels manchmal um seine Skandale?
Neuenfels
Na, da bin ich jetzt aber mal gespannt!
Kosky Nein! Wir reden als Regisseure überhaupt nicht über Skandale. Das tut höchstens das Publikum. Wir gehen nicht in eine Probe mit dem Gedanken, jetzt machen wir eine Provokation.

Was nützen der Oper die Skandale?
Neuenfels:
Wenn sie nützen, dann nützen sie nur einer Emotionsbefreiung des Publikums. Aber Skandale beruhen eigentlich immer auf einem Irrtum. Er besteht darin, dass einzelne Elemente aus dem Kontext herausgelöst und isoliert betrachtet werden. Dann machen sie keinen Sinn mehr, und daraufhin empört sich ein Publikum. Das ist meistens schon in der dritten Aufführung vorbei. Skandale sind meist Premieren-Phänomene. Theater aber wird jeden Abend gemacht.

Kein Premieren-Phänomen war Ihr „Idomeneo“-Skandal 2006 in Berlin: Die Intendantin hat die Wiederaufführung aus Angst vor islamistischen Störmanövern ­abgesagt. Betrachten Sie Skandale trotz allem auch als theaterpraktische Leistung?
Neuenfels
Ja, insofern als man grundsätzlich etwas bewegt hat. Bloß: Kein Mensch sitzt da und überlegt, wie man einen solchen Effekt erzielen kann. Man schmeckt ab. Man versucht falsche Erregungen eher zu vermeiden. Und trotzdem kann es Momente geben, wo man einen bestimmten Ausdruck so wichtig findet, dass man sagt: Jetzt ist mir alles egal! Jetzt wage ich es. Von dem „Idomeneo“-Skandal allerdings war ich völlig überrascht. Ich verstehe ihn heute noch nicht recht.
Kosky Planen lassen sich solche Sachen nicht. Weil der Zuschauer sofort merkt, wenn ein Skandal um seiner selbst willen angezettelt wurde. Das funktioniert nicht.
Neuenfels Stimmt, ein Skandal kann nur eintreten, wenn man ein Publikum überrascht. Er ist eine Mischung aus Überraschung und Überforderung.
Kosky Eigentlich hohe Schule, wenn man es so betrachtet. Denn was gibt es Schwierigeres, als ein Publikum heute noch zu schockieren?

Soll Oper in Ihren Augen eine Zumutung sein?
Neuenfels
Oper ist immer eine Zumutung, und zwar insofern als die Fülle der Eindrücke so überwältigend ist, dass sie der Normalität, aus der die Menschen kommen, ins Gesicht schlägt. Das ist auch zugleich das Tolle daran. Die Überforderung! Deswegen finde ich auch diesen ganztägigen Monteverdi-Marathon von Barrie Kosky goldrichtig. Dagegen halte ich die Wohnküchen-Gemeinsamkeit, die in der Oper manchmal behauptet wird, für eine Illusion. Ich will sie nicht sehen. Die Oper ist eine fremde Welt. Und sie soll gerne fremd bleiben.
Kosky Ich bin ganz deiner Meinung! Theater ist ein Raum der Überforderung. Man geht hinein wie Alice ins Wunderland. Keine Garantien. Keine Versicherungen. Kein Geld zurück. Das ist deine Aufgabe, Hans. Und meine auch. Operation Wonderland.

Danke schön, meinen Herren.
Kosky
Wir sollten damit ins Fernsehen gehen. Einer trinkt, der andere trinkt nicht: Die Hans-und-Barrie-Show!
Neuenfels Da verdienen wir auch endlich Geld. 

Interview: Kai Lührs-Kaiser
Foto: Harry Schnitger

La Finta Giardiniera – Die Pforten der Liebe (Termine)

in der Staatsoper im Schiller-Theater,
z.B. Sa 8., Sa 15.12., 19 Uhr, Karten-Tel. 20 35 45 55
Die Zauberflöte (Termine)
in der Komischen Oper
z.B. Sa 8., Fr 14., Sa 22., Mi 26.12, 19.30 Uhr; Mo 31.12., 18 Uhr,
Karten-Tel. 47 99 74 00

mehr Theaterinterviews:

Gespräch mit Frank Castorf über 20 Jahre Volksbühne

Interview mit Opernregisseur Philipp Stölzl über „Parsifal“ 

Startseite Theater und Bühne in Berlin

 

Mehr über Cookies erfahren