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Die Regisseure Jan Bosse und Antъ Romero Nunes im Interview – Teil 2

tip: Gilt dieser Spachzwang nicht ähnlich auch für Kleist selbst?
Bosse: Kleist war manischer Briefschreiber, seine Briefe kann man fast lesen wie ein Theaterstück, einen einzigen Monolog, in dem er sich selbst permanent zu erfinden scheint.
Nunes: Kleist wirkt wie jemand, der so mit sich selbst, mit seinen Gefühlen und Gedanken beschäftigt ist, dass er andere Menschen gar nicht wirklich sehen kann. Seine Figuren sehen sich gegenseitig auch nicht. Sie sagen immer nur: Du hörst mir nicht zu, ich spreche, doch du hörst mich nicht. Doch, ich höre dir zu. Mit wem hast du gesprochen, mit mir oder dem anderen? Welchem anderen? Du sprichst mit dem, der du denkst, dass ich bin. Und so weiter. Das ist ein Wahnsinnssystem hochtourig laufender, scheiternder Kommunikation. Kleist ist sich seiner eigenen Schwächen unglaublich bewusst, er weiß, dass er bestimmte Dinge in der Kommunikation mit anderen Menschen nicht kann. Und diese Defizite stellt er seinen Figuren zur Verfügung und lädt sie gleichzeitig mit einer ungeheuren Sehnsucht auf. Weil er das Problem des Sprechens und Zuhörens und Einanderverstehens nicht lösen kann, muss er immer weitersprechen. In seinen Figuren radikalisiert er seine eigenen Widersprüche.
Bosse: Das kann nur in den Wahnsinn führen: ständig um sich selbst kreisen und darüber sprechen, dass er sprechend seine Rätsel nicht lösen, dem Unaussprechlichen nicht näherkommen kann. Das ist ein sehr modernes, permanent zweifelndes Bewusstsein, in dem die Denk- und Suchbewegungen nie abgeschlossen sind. Das ist das Radikale an Kleist: Er versteckt seine Selbstzweifel und zerrissenen Bewusstseinszustände nicht, sondern spitzt sie zu und liefert sich ihnen im Schreiben geradezu aus. Man weiß immer nicht, ob das Genie oder ein Zwang ist, so schreiben zu müssen. Vielleicht war das Schreiben wirklich das notwendige Ventil, das ihn am Leben gehalten hat, jedenfalls eine ganze Weile, bis zum 21. November 1811.

kleist
tip: Kleists Sprache ist ungeheuer dicht, konzentriert, aufgeladen mit Metaphern und Bildern. Wie gehen Sie beim Inszenieren damit um?
Nunes: Der Schauspieler muss sich immer in ein Verhältnis zur Sprache setzen. Alles, was er an realistischen kleinen Gesten spielt, wird schnell unangemessen, falsch angesichts dieser Sprache. Wenn äußerliche Aktionen die Aufmerksamkeit wegziehen, versteht man diese Sprache nicht mehr: Weshalb reden die so komisch? Man versucht, diesen Sprachberg zu erklimmen. Die Sprache berichtet von Gewalt, aber sie ist auch selbst Gewalt. In „Schroffenstein“ kommt einer mit dem Dolch und will ein Mädchen erstechen. Aber neben dieser Sprache wirkt es klein, wenn da ein Schauspieler mit einem Dolch auf der Bühne steht. Was er sagt, was er an Ideen formuliert, ist so ungeheuer, dass ich lieber zuhöre und wissen will, wie er seine Gedanken entwickelt, als zu sehen, was er mit dem Dolch macht. Das zu inszenieren ist schwer: Gehe ich mit der Figur mit oder gehe ich mit dem Problem der Figur mit, interessieren mich diese Denkräume oder die Handlung?

tip: Herr Bosse, Sie inszenieren „Das Käthchen von Heilbronn“. Was macht für Sie den Reiz des Stücks aus?
Bosse: „Das Käthchen von Heilbronn“ ist extrem fragmentarisch, eine Collage verschiedener Genres, ein Ritter-Gothic-Western. Es ist wahnsinnig lustig, dann tieftraurig, eine Groteske – und voller Kitsch, wie er selten ist bei Kleist.

tip: In ihrer reinen Unschuld des Gefühls ist Käth­chen eine etwas entrückte Erscheinung, nicht ganz von dieser Welt.
Bosse: Sie ist befremdend, das hat auch etwas Unangenehmes, sie stört. Ihre somnambule Unschuld ist aggressiv, eine Außerirdische, ein rätselhafter Alien des Gefühls. Das Radikale an dieser Figur ist, dass sie selbst ihre komplette Fremdheit in der Welt überhaupt nicht irritiert. Sie ist sich selber kein Rätsel, da ist sie wie Jeanne d’Arc, nur ohne Ideologie.

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Foto: Hans Scheib/Kleist-Museum Frankfurt/Oder

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