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Die Regisseure Jan Bosse und Antъ Romero Nunes im Interview – Teil 3

tip: Das hat etwas von einem Krankheitsbild: Ich traue nur meiner eigenen Wirklichkeit und nicht dem, was Ihr alle für Wirklichkeit haltet.
schroffensteinBosse:  Vielleicht ist sie die Glücklichste von allen. Sie hat für sich die Frage, was sie mit ihrem Leben will, beantwortet. In „Käthchen“ spricht eine Figur im Schlaf, der Traum bekommt eine Gewalt, die nicht steuerbar ist, er wird für sie realer als die Wirklichkeit. Das ist wie dieses tolle Zitat von Slavoj Ћiћek, wo er sagt, es ist nicht so, dass die Träume für die Menschen da sind, die die Realität nicht aushalten, sondern umgekehrt: Die Realität ist für die Menschen, die die Träume nicht aushalten. In „Käthchen“ begegnen sich im Traum die Liebenden, gleichzeitig ist der Traum kaum auszuhalten, ein Fluch, der die gesamte Wirklichkeit infrage stellt. Auffällig ist, wie Kleist sich traut, immer wieder Wunder geschehen zu lassen. Käthchen geht in das brennende Haus und ist dann wahrscheinlich einfach tot. Aber sie ersteht wieder auf, gerettet von einem Cherub, der bestimmt kein christlicher Engel ist. Ich empfinde diese Ausflüge ins Irrationale als unheimlich. Kleist sorgt immer wieder dafür, dass seine Figuren der Wirklichkeit, oder dem, was sie für Wirklichkeit halten, nicht mehr trauen können, durch einen Traum, durch ein Wunder oder weil sie Dinge zwischen Schlaf und Wachzustand erleben, wie Homburg oder wie die Marquise von O., die im Schlaf vergewaltigt wird, ohne dabei zu erwachen. Sie wird schwanger, ist sich aber absolut sicher, dass sie mit keinem Mann geschlafen hat. Da kollidieren zwei Realitäten, jede ist unabweisbar, aber nur eine kann wahr sein. Das ist Bewusstseinsterror. In so einem Moment wird ein tief inneres Gefühl, an das Kleist, vermute ich, schon glaubt, ein Vertrauen in die Welt, der geschützte Kern der eigenen Identität, betrogen. Kleist führt in vielen Varianten vor, wie für einen Menschen, dem so etwas geschieht, die Welt zerbricht. Dieser Riss ist nicht mehr heilbar.

tip: Das ist eine Vertreibung aus dem Paradies.
Bosse: Ja, absolut. Man schaut bei Kleist Menschen zu, die versuchen, diesen Riss zu kitten, den sie natürlich nicht aushalten können. Wir sind vielleicht schon abgeklärter, wir haben vielleicht gelernt, mit diesen Rissen in der Welt zu leben. Bei Kleist entsteht dieser Riss zwischen Ich und Welt und in der Person selbst ganz akut und schockhaft im Moment einer Szene. Das ist ungeheuer dramatisch, auch im Kontrast zu unserer postdramatisch abgeklärten Gegenwart.

tip: Schlichter Positivismus würde sagen: Was zählt, sind die Fakten, der Rest sind Hirngespinste, Überspanntheiten.
Nunes: Wenn Kleists Figuren sich mit Fakten Gewissheit verschaffen wollen, sind diese Fakten meist lächerlich oder sie werden falsch verstanden und führen erst recht in die Irre. Ottokar und Agnes, die beiden jungen Liebenden aus den verfeindeten Familien in „Schroffenstein“ wollen sich fast panisch mit Fakten absichern: Ich muss deinen Namen wissen, ich muss wissen, aus welcher Familie du kommst. Sie schließen einen Vertrag, wir lieben uns jetzt, es ist abgemacht. Aber auch das funktioniert nicht, so geht Liebe nicht. Kontakt miteinander haben sie nur in den Missverständnissen.
Bosse: Was Kleist in seinen Stücken macht, sind ziemlich gnadenlose, auch sadistische Menschenexperimente. Er quält die Figuren, und er quält dabei auch sich selbst. Dieses Selbstquälerische ist mir, wenn ich ehrlich bin, unangenehm und auch unsympathisch.
Nunes: Und bei diesen Menschenversuchen ist immer die gesamte Menschheit gemeint, der Mensch an sich, der aus dem Paradies vertrieben ist. Das kann man politisch lesen oder moralisch oder religiös oder als Aussage über den Zustand der Menschheit.

tip: Dazu passt das Ende von „Schroffenstein“, wenn die Eltern ihre eigenen Kinder töten, weil sie sie mit den Kindern der verfeindeten Familie verwechseln. Das wurde so interpretiert, dass hier die Menschheit ihre eigene Zukunft tötet.
Nunes: Aber wenn man diese Tiefendimension ausblendet und einfach die pure Handlung vom Blatt spielt, wird das eine Komödie und man verrät die Figuren, weil sie auf einmal alle bescheuert werden.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Proben zu „Die Familie Schroffenstein“/Katja Strempel

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Das Käthchen von Heilbronn Maxim Gorki Theater, Fr 4.11., 19.30 Uhr,  Sa 5.11., 18 Uhr

Die Familie Schroffenstein Maxim Gorki Theater, Sa 19.11., 19.30 Uhr, So 20.11., 18 Uhr

ÜBERBLICK ÜBER DAS FESTIVAL

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