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Die Regisseure Jan Bosse und Antъ Romero Nunes im Interview

Nunes_Bossetip: Herr Bosse, Herr Nunes, was macht für Sie die Faszination Heinrich von Kleists aus?
Antъ Romero Nunes: Ich finde, dass Kleist grundsätzlich herzensverwirrt ist und dabei einen sehr starken Verstand hat. Er sucht immer das, was ihn im Herzen befriedigt, er findet es nie. Beim Schreiben schafft er einen Kosmos, der nicht zu überblicken ist.  
Jan Bosse: Interessant an diesen Stücken ist, dass sie uns so fremd bleiben. Das geht mir bei Stücken von Goethe nicht so. Kleist ist sehr sperrig. Gleichzeitig ist er total modern, weil seine Texte so fragmentarisch sind. Bei den Figuren gibt es immer diesen Punkt des Unverständlichen, des Unaussprechlichen. Das Rätsel, das die Figuren für sich selbst und füreinander sind, wird mit einer ungeheuren Sprachkraft und einer Sprachwut umkreist, aber der Kern bleibt schwarz.
Nunes: Auch wenn das vielleicht komisch klingt, aber als ich mich intensiver mit Kleist beschäftigt und mich auf dieses Werk eingelassen habe, ging es mir wirklich eine Zeit lang nicht gut. Und genau das muss man eigentlich inszenieren.  
Bosse: Es wäre toll, wenn man an diesen Punkt einer echten Ambivalenz rankommt, wo es tatsächlich unangenehm wird. Ich weiß ja nicht, wie es jemandem geht, der sich das gesamte Kleist-Festival, alle Kleist-Stücke und Erzählungen ansieht – entweder man bekommt Depressionen und Wahnzustände oder es hat kathartische Wirkung, durch diesen Wahnsinn zu gehen

tip: Alexander Kluge schreibt über Kleist: „Wenn es jemanden gibt in der deutschen Texttradition, der auf der Differenz beharrt, dann ist das Heinrich von Kleist.“ Einfühlungstheater und vorschnelle Identifikationsangebote helfen da nicht unbedingt weiter.
Bosse: Psychologisieren reicht nicht. Man muss fragen, was sind das für Figuren, was bewegt sie, aber das genügt nicht. Man stößt immer auf einen schwer erklärbaren Rest. Ich glaube, es gibt wenig große Autoren, bei denen die Biografie so deutlich ein Schlüssel zum Verständnis des Werkes ist. Er scheint sich regelrecht in seine Figuren und ihre Zerrissenheit hineinzuschreiben. Er ist auf der Suche, übertreibt maßlos, auch in seinen Texten, scheitert, ist nie zufrieden mit seinen Texten. Das Gespenstische ist, dass er zwar sozial isoliert war, aber trotzdem immer versucht hat, zu funktionieren, er glaubt an die Institutionen, an das Militär, an den preußischen Staat.
Nunes: Er selbst soll in jeder Gesellschaft ein Fremdkörper gewesen sein, er beschreibt sich auch selbst so. Wenn man so vertrackt denkt wie Kleist, wird es wahrscheinlich schwierig mit der sozialen Anerkennung. Gleichzeitig sieht man bei ihm eine große Anerkennungssucht, die man natürlich als Künstler immer hat. Je erfolgloser er ist, desto gieriger, verzweifelter verzehrt er sich danach, anerkannt, gespielt, wahrgenommen zu werden. Seine gesamte Form der Kommunikation ist schwierig, das hat auch etwas Gestörtes. Wie er sich in seine Gedanken eingräbt, wie er manisch schreibt, das ist sicher etwas Asoziales, nicht gesellschaftsfähig, auch zwanghaft.

tip: Herr Nunes, Sie inszenieren Kleists mons­trösen Erstling „Die Familie Schroffen­stein“, ein Ritter- und Mittelalterstück, das Kleist in einem seiner typischen Selbstzweifelanfälle eine „elende Scharteke“ genannt hat. „Wollte man das Stück für das Theater gewinnen, wo es noch nie gelebt hat, wäre eine mehr als geschickte Hand zur Einrichtung vonnöten“, schreibt einigermaßen skeptisch der Kleist-Forscher Hans Joachim Kreutzer über „Schroffenstein“. Ist das Stück eine Zumutung für jeden Regisseur?
Nunes: Erst mal betrügt einen „Schroffen­stein“ bei der ersten Annäherung mit dem Eindruck, das wäre ein wahnsinniger Krimi. Aber dann wiederholen sich die Szenen und Konflikte, das ist ein Spiegellabyrinth, auf jeder Ebene, in der Sprache, in den Figuren, in der Liebesgeschichte. Diese Mittelalter- und Ritter-Welt ist nur Staffage. Die Figuren sprechen dauernd nur über das Sprechen. Dauernd wird jemand befragt, aufgefordert zu sprechen, verhört, gefragt, ob er die Wahrheit sagt. Es ist fast, als würden die Figuren erst dadurch entstehen, dass sie sprechen.

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Foto: Harry Schnitger

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