Theater

„Die Rixdorfer Perlen“ im Heimathafen Neukölln

HeimathafenNeukölln kennt nur zwei Image-Extreme: entweder hochgejazzt zum Szene-Hotspot. Oder verfemt als Problembezirk der prügelwütigen Migranten-Gangs. Stefanie Aehnelt, Inka Löwendorf und Nicole Oder, drei der Gründerinnen des Theaters Heimathafen Neukölln, reagieren gelassen auf solche Klischees. Aehnelt: „Wir waren vor dem Hype da. Und wir werden nach ihm da sein.“ Das Selbstbewusstsein ist nicht unbegründet. Im April des vergangenen Jahres hat das Heimathafen-Kollektiv nach wechselnden Spielorten wie einem Ladenlokal an der Richardstraße oder der Alten Post Neukölln den Saalbau an der Karl-Marx-Straße übernommen. Erfrischend ungerührt von der Frage, ob Berlin wirklich noch ein weiteres Theater braucht.

Angeschoben wurde das Vorhaben durch „klassisches, seit Jahrhunderten bewährtem Mäzenatentum“, so Löwendorf lächelnd. Eine kontinuierliche Förderung erhält die Bühne nicht, aber immerhin gab es nun einmalig 420 000 Euro von der Lottostiftung, zweckgebunden für notwendige Renovierungs- und Umbauarbeiten. Was ja zeigt, dass die Künstlerinnen, ein neunköpfiges Team aus Regisseurinnen, Dramaturginnen und Schauspielerinnen es geschafft haben, ihrem Theater über den Kiez hinaus einen Namen zu machen. „Berlin hat wieder Volkstheater“, stand auf den Plakaten, mit denen der Heimathafen an den Start ging, und man dachte nur: kann ja jeder behaupten. Tun auch viele. Aber das Populäre ist hier weder Reklamephrase noch Ranschmeiße. Und das war es von Beginn an nicht. Zu Zeiten des Rütli-Brandbriefs hatte Stefanie Aehnelt, die nach einem Job als Regieassistentin in Düsseldorf auf dem Sprung zurück nach Berlin war, die Idee, mal etwas tiefer hinter die Horrorfassade Neuköllns zu blicken. Zusammen mit Gefährtinnen recherchierte sie über die Vergangenheit des Viertels als Amüsiermeile Rixdorf, und im Landesarchiv stieß sie auf die Akten einer völlig zu Unrecht abgeschafften Institution namens Theaterpolizei, bei der damals sämtliche Stücke eingereicht werden mussten. „Alle fürchten sich oder Die Hasen in der Hasenheide“, eine Posse aus dem Jahr 1827, wurde die erste Heimathafen-Produktion.

Rixdorfer_PerlenTraditionsbewusst ist die Truppe bis heute. Eine der Säulen des Programms ist die stetig fortgeschriebene Revue-Reihe „Die Rixdorfer Perlen“. Gassenhauer-Abende mit ironischem Gegenwarts-Link, die um drei kodderschnauzige Prekariats-Grazien kreisen und das charmant-frivole Rixdorfer Liedgut des frühen 20. Jahrhunderts pflegen. In der jüngsten Folge „Schuss mit lustig“ werden die Perlen gebeten, einen Beitrag zu einem Neukölln-Reiseführer zu leisten, der für die einfallenden Schwaben- und Spanier-Horden aufgelegt wird. Einen artverwandten Reiseführer gibt es übrigens tatsächlich, und selbstverständlich kommt der Heimathafen darin vor.

Inka Löwendorf spielt am Heimathafen – zum Beispiel als eine der Rixdorfer Perlen. Abseits der Heimathafen-Tätigkeit ist die Schauspielerin Ensemblemitglied der Volksbühne (zu sehen etwa in Castorfs „Kean“) und tritt am BE auf (in Martin Wuttkes „Gretchens Faust“). Am Heimathafen Neukölln ist sie unter anderem in Nicole Oders Adaption von Güner Balcis Sozialschocker „Arabboy – Das kurze Leben des Rashid A.“ zu sehen – eine Inszenierung über den Niedergang eines Neuköllner Dealers und Zuhälters, die ans Thalia Theater und zum Hamburger Fringe-Festival Kaltstart eingeladen wurde. Was Löwendorf dabei nicht mehr hören kann, ist die Schubladenfrage: „Du bist doch ein weißes Mädchen, gutbürgerlich aufgewachsen, wieso darfst du dich mit Arabern beschäftigen?“ Was zähle, sagt sie, sei das Ergebnis, Punkt.
Nicole Oder bringt im Herbst auch die Fortsetzung „Arabqueen“ auf die Bühne, und wenn man nachhakt, ob diese Geschichte der angestammten Sozialarbeiterin Balci – Schirmherrin des Heimathafens – über muslimische Mädchen unter der Knute von Kopftuch und Patriarchat, nicht auch gerade wieder Klischees befeuere, erzählt sie von ihrer Recherche in einem Neuköllner Mädchentreff: „Fünf von fünf betrifft es einfach.“

Am Ende kommt es auf die Perspektive an. Eine der letzten Premieren, Aehnelts Inszenierung „Das blaue, blaue Meer“ des angesagten Jungdramatikers Nis-Momme Stockmann – den der Heimathafen noch vor dem Deutschen Theater zur Berliner Erstaufführung gebracht hat – könnte in fürchterlicher Plattenbau-Betroffenheit versinken, wird hier aber als liebevoll-surreale Säufer- und Träumerballade für den Kiez erzählt, in dem die Heimathafen-Betreiberinnen selber leben. Wenn man Volkstheater mache, sagt Oder, sei eben die entscheidende Frage, ob man sich auch als Teil des Volkes begreife.

Text: Patrick Wildermann
DIE RIXDORFER PERLEN – SCHUSS MIT LUSTIG Heimathafen Neukölln Saal, Mi 13.10. (P), So 17.10., Mi. 20.10., 20 Uhr

DAS BLAUE, BLAUE MEER Heimathafen Neukölln Studio, Fr 22.-So 24.10., 20.30 Uhr

Foto Saalbau: Verena Eidel

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