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„Die (s)panische Fliege“ in der Volksbühne

Die (s)panische Fliege

Man könnte sagen, dass Herbert Fritsch derzeit die Qualitätslatte in Humorfragen auf der Bühne sehr hochlegt: Ewig war deutsches Theater nicht so aberwitzig, temporeich und fröhlich durchgeknallt wie in Fritschs Inszenierungen. Im Mai sorgte er mit zwei Gastspielen beim Theatertreffen für gute Laune. Gleichzeitig legt er die Latte natürlich auch so tief wie irgend möglich: Wer in Fritschs Parforce-Komödien nach gesellschaftlicher Relevanz, politischer Botschaft oder auch nur geistreicher Ironie sucht, kann lange suchen. Fritschs hoch virtuoser Boulevard des Irrsinns will nichts anderes sein als genau das: extrem beschleunigtes, gerne in den psychedelischen Wahnsinn kippendes Boulevardtheater, je alberner, desto besser. Subtilitäten sind nicht zu befürchten. Als Beweis für die beliebte Kitsch-These, dass Clowns ja in Wahrheit traurig und die gediegene Komödie nicht ohne einen Schuss Melancholie zu haben sei, taugen Fritschs überdrehte Inszenierungen keine Sekunde. Seine Knallchargen sind Knallchargen ohne Tiefsinnsimulation, was zumindest den Vorteil hat, dass es in Fritschs Inszenierungen ordentlich knallt.
Die (s)panische FliegeJetzt inszeniert er zum ersten Mal an der Volksbühne, dem Haus, an dem er in den goldenenen Castorf-Jahren auf der Bühne stand und das er vor vier Jahren leicht genervt verlassen hat, um sich als Regisseur neu zu erfinden. Er inszeniert einen rustikalen Schwank, „Die spanische Fliege“, die bei ihm zur „(S)panischen Fliege“ wird, ein Stück, in dem die Pointen mit dem Holzhammer niederkrachen, 1913 geschrieben vom berüchtigten Autoren-Duo Arnold und Bach: Feydeau auf derb-berlinerisch.
Fritschs eingangs erwähnte, gleichzeitig hoch wie tiefer gelegte Humorlatte spielt übrigens auch hier eine tragende Rolle. Der Vollkaracho-Schauspieler Wolfram Koch, der den Mostrich-Fabrikanten und Schwerenöter Klinke spielt, zappelt, tänzelt und stolpert, trägt völlig sinnloserweise eine Zeit lang eine Vier-Meter-Holzlatte mit sich herum, schiebt sie gerne mal Mitspielern neckisch zwischen die Beine und stellt irgendwann verwundert fest: „Jetzt habe ich eine ganze Szene mit einer Riesenlatte gespielt.“ Rumms. Die Bühne, die Fritsch sich für seine Inszenierung ausgedacht hat, ist ein gewellter, riesiger Teppich, unter den die Biedermänner ihre Jugendsünden und außerehelichen Fehltritte am liebsten kehren würden. Stattdessen stürzen sie dauernd über ihn, verschwinden in seinen Tiefen oder fliegen von einem Trampolin abgefedert durch die Luft. Die sehr lässig und perfekt absolvierten Slapsticknummern werden gerne mal überdreht und überdehnt ins völlig sinnfreie Spiel. Statt auf eine wohl kalkulierte Ökonomie der Pointen zu setzen, geht Fritschs Regie lieber in die Verschwendung, die Übertreibung, die Überdosis. Sophie Rois als sittenstrenge Gattin des Mostrich-Fabrikanten Klinke gibt auf das herrlichste die krächzende Diva, bei aller ausgestellten Damenhaftigkeit jederzeit bereit, in gröbste Töne zu verfallen. Eine Entdeckung ist der junge Bastian Reiber, der um Klinkes Tochter anhalten soll, sich aber in eine andere verliebt, ständig ausgiebigst hin und her geschubst wird, eigentlich nie weiß, was gerade los ist und dabei so komisch ratlos in die Welt schaut, dass es eine Freude ist.
Die (s)panische FliegeSo übertrieben wie die Slapsticknummern ist das ganze Spiel in den knallbunten Kostümen unter aberwitzig aufgetürmten Frisuren: gleichzeitig stilisiert und sehr frei, halb alte Oper, halb Vaudeville und immer gleichzeitig die Parodie darauf, samt jeder Menge rücksichtslos kalauernder Versprecher, etwa wenn die Fabrikanten-Gattin berichtet, ihre Tochter habe „eine Herrenmannschaft beglückt, äh, eine Herrenbekanntschaft gemacht.“ Eine gewisse Penetranz, mit der Fritsch schon als Schauspieler sein Publikum malträtierte, ist ihm auch als Regisseur treu geblieben, und genau das macht diesen Abend zu so einem tollen Antidepressivum und Gute-Laune-Knallbonbon.

Text: Peter Laudenbach

Fotos: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Herausragend

Die (s)panische Fliege, Volksbühne,

2.10., 19.30 Uhr

Karten-Tel. 24 06 57 77

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