Kultur

Die Schocktherapeuten

Die Schocktherapeuten

Ist es eine politische Demonstration, Aktionskunst oder einfach geschmacklose Sachbeschädigung, wenn Menschenrechtsaktivisten symbolisch und natürlich illegal Gräber für die an den EU-Außengrenzen umgekommenen Flüchtlinge ausheben,  zum Beispiel auf der Wiese vor dem Reichstag? War die öffentliche Ankündigung des Zentrums für politische Schönheit, Leichname von im Mittelmeer ertrunkenen Migranten nach Berlin zu holen, um sie hier zu beerdigen, zynisch – oder hat die Aktion nur den Zynismus der EU-Grenzpolitik sichtbar gemacht?
Das Theater politisiert sich derzeit wie seit Christoph Schlingensiefs Provo-Aktionen nicht mehr. Das Berliner Zentrum für politische Schönheit hat im Juni mit seiner medienwirksamen Aktion („Die Toten kommen“) einen der größten Politkunst-Aufreger der letzten Zeit samt kleinerer Straftatbestände ausgelöst. Ihr Trauerzug zum Kanzleramt hat ein paar Hundertschaften Polizei und gut 5.000 Demonstranten mobilisiert. Sie sind nicht die Einzigen, die ihre Kunst konfliktfreudig in den Dienst der Aufklärung stellen. Der Dokumentarregisseur Hans-Werner Kroesinger analysiert in seinen Inszenierungen politische Verbrechen – zuletzt am Gorki-Theater den bis vor Kurzem von der Bundesregierung nicht als Genozid anerkannten Völkermord an den Armeniern. Das Kreuzberger Peng-Collective gab in einer Fake-Pressekonferenz bekannt, dass der Energiekonzern Vattenfall aus der Kohleverstromung aussteigt – und das so gekonnt, dass zunächst selbst Konzernmitarbeiter und Presse darauf he­reingefallen sind. Das virtuos beherrschte Spiel mit den Medien gehört zu den Lieblingsstrategien der neuen Aktivisten.
Milo Rau, neben den Zentrums-Aktionskünstlern derzeit der prominenteste Regisseur an der Grenze zwischen Theater und politischer Intervention, hat mit seinen Bühnen-Tribunalen in Form von Gerichtsprozessen (in der Traditionslinie von Peter Weiss’ ­Auschwitz-Stück „Die Ermittlung“) eine neue Form des politischen Theaters geschaffen. Mit ihr durchleuchtet er ergebnisoffen und unter großer Publizität gesellschaftliche Großkonflikte.
Seine „Moskauer-Prozesse“ zu den Menschenrechtsverbrechen des Putin-Regimes wurden von rechtsradikalen Kosaken gestürmt. Seine „Züricher Prozesse“ untersuchten das Wirken der rechtspopulistischen Wochenzeitung „Weltwoche“ und wirbelten ein paar Tage die Schweizer Öffentlichkeit durcheinander. Für seine jüngste Großinzenierung, das „Kongo Tribunal“, hat Rau, zum Teil unter dem Schutz von UN-Blauhelm-Truppen, anderthalb Jahre in dem zentralafrikanischen Bürgerkriegsland recherchiert.
Das Tribunal machte Akteuren des von Warlords als lukratives Geschäft betriebenen Wirtschaftskriegs symbolisch den Prozess – vor Ort, im Kongo, unter Teilnahme von Betroffenen. So wird Theater zum Medium der Aufklärung und Ersatz für eine funktionierende bürgerliche Öffentlichkeit. An den Sophiensaelen zeigte Rau Ende Juni die Forzsetzung des Kongo-Tribunals. Schließlich sind, schon wegen der reichen Bodenschätze von Coltan bis Diamanten und des lukrativen Absatzmarktes für Waffen, westliche Regierungen und Unternehmen im Hintergrund Akteure und Profiteure dieses jahrzehntelangen Konfliktfeldes. Rau: „Ich möchte nicht der Typ sein, der auf die Frage seiner Kinder: ‚Was hast du getan, als im Kongo sechs Millionen Menschen gestorben sind?‘, antwortet: ‚Ich habe Tschechow inszeniert.‘“
Das Berliner Zentrum für politische Schönheit arbeitet nicht mit der Theater-Kopie von Gerichtsprozessen, sondern mit Schockmomenten. Die Ankündigung, die an den EU-Außengrenzen umgekommenen Toten nach Berlin zu holen, war so ein gezielt hergesteller Schock. Die Grenzüberschreitung (Theater mit Toten?) war so heftig, wie die Symbolik unmittelbar einleuchtend war. Schließlich sind die Toten auch eine mittelbare Folge des harten Grenz-Regimes der EU, das von der Bundesregierung mitgetragen wird. Um die aufgeregten Medien zu füttern (oder zu instrumentalisieren), erklärten die Aktions- und Medienkünstler, sie würden „Tausende Tote“ nach Berlin ­holen.
Was folgte, gehorchte der Hysterie- und Skandalisierungslogik des Medienbetriebs. Wie naiv oder hyperventilierend muss man sein, um im Ernst zu glauben, die Menschenrechtsaktivisten, denen es um die Würde der Toten geht, die jetzt an Italiens oder Griechenlands Küsten zu Tausenden in Müllsäcken entsorgt und anonym verscharrt werden, hätten im Ernst vorgehabt, mit Leichnamen zu demonstrieren? Im Kern stellten die Zentrums-Leute einige prinzipielle Fragen: Wie geht das reiche Europa mit Menschen in Not um, wollen wir lieber eine empathiefähige oder eine im Zweifel bis zur Brutalität egoistische Gesellschaft sein?

Die Schocktherapeuten

Die anderen Fragen betreffen die Grenzen der Kunst. Findet das wirklich politische Theater eher auf der Straße als in einer nostalgisch mit Kunstblut spritzenden Kresnik-Inszenierung an der Volksbühne statt? Oder benutzen Künstler schreckliche Großkonflikte mit durchaus strategischem Kalkül, um in der Konkurrenz um Aufmerksamkeit (die wichtigste Währung im Kunstbetrieb) am eigenen Markenprofil zu arbeiten? Und überhaupt: Wie kompetent sind aufregungsbereite Künstler, wenn es um komplizierte, nicht mit ein paar markigen Thesen zu lösende politische Konflikte geht? Ist die Ära der selbstgefälligen Mahner und Warner, die von Klimawandel bis Atomkraft, von Palästina bis US-Imperialismus stets pfeiferauchend Moral und Besserwisserei predigten, mit ihrem letzten, lautesten und nervtötendsten Vertreter Günter Grass nicht endgültig in die Grube gefahren? Albern wird die Geste der politisch radikalen Kritik spätestens, wenn zum Beispiel der Kurator Matthias von Hartz, ansonsten ein netter Mensch, in seiner Eröffnungsrede erklärt, er sähe sein gut subventioniertes Performance-Festival Foreign Affairs am liebsten als „temporäre autonome Zone“ oder als „Urlaubs-Kommunismus“. Damit wird er dem System sicher einen echten Schrecken einjagen.
Die Aktionen des Zentrums für politische Schönheit sind so etwa das Gegenteil dieses selbstreferenziellen Kulturbetriebs-Radical-Chics, schon weil der Staat auf sie im Zweifel mit polizeilichen Ermittlungen reagiert.
Die Frage, was das hier ist, ein Akt der Trauer oder ein Skandal, beantwortete sich bei der Zentrums-Aktion von selbst, man musste nur hinsehen. Die beiden Beerdigungen auf Berliner Friedhöfen, mit denen vom Zentrum mit Einverständnis der Angehörigen nach Berlin gebrachte Leichname von im Mittelmeer umgekommenen Flüchtlingen aus Syrien beigesetzt wurden, waren Versuche, den Toten zumindest einen Teil ihrer Würde zurückzugeben. „Dieser Mensch ist im Mittelmeer versunken. Wir versinken in einem Meer aus Egoismus“, sagte der Imam Abdallah Hajjir bei den Beerdigungen. „Jeder Tod ist eine Lektion.“ Und das ist kein Theater, sondern die Wirklichkeit.

Text:
Peter Laudenbach

Fotos:
Nick Jaussi

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