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„Die Schönheit von Ost-Berlin“ im Deutschen Theater

Die Schönheit von Ost-Berlin

Der Mauerfall war die Enttäuschung seines Lebens. Ronald M. Schernikau, Jahrgang 1960, war noch im September 1989 als letzter Wessi nach Ost-Berlin gezogen – und blieb Kommunist. Bis zu seinem Aids-Tod 1991 in Hellersdorf. Auf die Menschen in der DDR hat er gezählt. „Für ihn waren das die intelligenteren, beleseneren und politisch bewanderteren Deutschen“, sagt der Schernikau-Biograf Matthias Frings.
Dass der Regisseur Bastian Kraft am Deutschen Theater ausgerechnet jetzt, 25 Jahre nach dem Mauerfall, eine Collage von Schernikau-Texten, auch solche aus dem Nachlass, auf die Bühne bringt, ist ein hübscher Kontrapunkt zu den Jubiläums-Festivitäten. „Schernikau kann dem großen Fahnenschwenken und den großen Glücks-Chören eine Prise Realismus beifügen“, findet Frings.
Als Schernikau sechs Jahre alt war, zog seine Mutter mit ihm von Magdeburg nach Lehrte bei Hannover, eines Mannes wegen, der sich später als Nazi entpuppte. Der junge Ronald wächst in der westdeutschen Provinz auf, als 18-Jähriger schreibt er das Buch, das ihn bekannt macht: „Kleinstadtnovelle“ ist die Geschichte eines Coming-outs. In vieler Hinsicht blieb Schernikau Außenseiter – als schwuler Ossi in Hannover, als Kommunist in West-Berlin, zuletzt als Künstler in der DDR. Hängt das zusammen? „Keiner sucht sich eine Lebenssituation aus, wo man immer einen halben Meter neben den anderen steht“, glaubt Frings. „Für sein Schreiben und sein Denken war das Außenseitertum aber ungeheuer fruchtbar. Er hat die Dinge klarer gesehen und konnte sie auch klarer beschreiben – mit Verve und Karacho.“
Ronald M. SchernikauNur in dieser Komplexität lässt sich Schernikau verstehen. „Er war als Künstler immer politisch“, ist Regisseur Bastian Kraft überzeugt, „und er hat immer aus der Perspektive eines Schwulen argumentiert. Wenn er eine politische Rede hält, ist sie hochliterarisch. Wenn er Literatur schreibt, ist sie hochpolitisch.“ Kraft will nicht die DDR schönreden, aber er will einen Autor ernst nehmen, der dieses System und den Sozialismus als Idee verteidigte. Das Ziel seiner Inszenierung am Deutschen Theater „ist vor allem, mit neuen Augen auf den Mauerfall und die Wende zu gucken – auch mit dem Wissen darüber, welche Früchte die Entscheidungen von damals tragen.“
Dazu hatte Kraft das Gesamtwerk Schernikaus gelesen: Literarisches, Interviews, Tagebücher, Briefe, Schnipsel. Alles, was im Nachlass verfügbar war, den Thomas Keck verwaltet, Schernikaus Lebensliebe und Freund bis zum Tod. Daraus hat Kraft die Text-Collage angefertigt, die er jetzt auf die Bühne bringt. Kraft lässt die Bücher miteinander sprechen, aus denen er, zuweilen in raschem Wechsel, zitiert. Die Struktur in der Collage bildet Schernikaus Leben mit den Themen Kommunismus, Sexualität und Pop-Kultur bis hin zum Schlager. Dabei tritt Schernikau auch in seinen autobiografisch eingefärbten Büchern stets als stilisierte Figur auf, der man sich nur annähern kann.
„Ich glaube, dass bestimmte Menschen als Kunstfigur am allermeisten sie selbst sind“, sagt Kraft. „Wie bei Lady Gaga. Da interessiert es mich auch einen Scheißdreck, wie sie ungeschminkt auf dem Klo sitzt.“
Eine Schauspielerin und drei Schauspieler werden in Krafts Inszenierung in die Schernikau-Figur schlüpfen. So diskutiert Schernikau zuweilen mit sich selbst – auch darüber, wie sehr die DDR dann vielleicht doch auch nervte.
Das Deutsche Theater war damals übrigens Schernikaus Lieblingstheater. Über viele DT-Schauspieler hat er begeistert geschrieben: Inge Keller, Margit Bendokat (die jetzt auch mitspielt), Simone von Zglinicki, Katrin Klein. Es war sein Haus, er wollte sogar eine Regie-Hospitanz machen, hatte eine Zusage, aber das Visum nicht rechtzeitig bekommen. „Ich hab die Vorstellung“, sagt Frings, „dass Ronald in seinem wahrscheinlich zu engen Grab auf- und abspringt. Er wäre geplatzt vor Freude, Stolz und Vergnügen, dass das DT etwas von ihm und über ihn macht. Endlich ist Schernikau im Deutschen Theater angekommen!“

Text: Stefan Hochgesand

Foto Schernikau: Archiv Aufbau Verlag

Die Schönheit von Ost-Berlin, Deutsches Theater, Fr 7.11., So 9.11., Di 18.11., Do 27.11., ?Karten-Tel. 28 44 12 25

Ronald M. Schernikau
Peter Hacks und Elfriede Jelinek schätzten den 1960 geborenen Dichter. Der überzeugte Kommunist zog zwei Monate vor dem Mauerfall aus dem Westen in die DDR, nach Berlin Hellersdorf. 1991 starb Schernikau an Aids.

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