Zeitstück

„Die Schwarze Flotte“ am Berliner Ensemble

Spätestens seit seiner völlig zu Recht zum Theatertreffen eingeladenen „Borderline Prozession“, einem klug montierten Bilder-Medien-Bewusstseinsstrom (oder Bewusstseins­auflösungs-Strom) ist klar, dass Kay Voges derzeit einer der interessantesten Regisseure des deutschen Theaters ist

Foto: Birgit Hupfeld

Es spricht nicht unbedingt für die Entdeckungsfreude der großen Berliner Bühnen, dass sie bisher versäumt haben, ihn als Regisseur zu gewinnen. Umso erfreulicher ist es, dass das Berliner Ensemble eine Semi-Dokumentar-Inszenierung von Voges als Gastspiel aus dem von ihm geleiteten Schauspiel Dortmund eingeladen hat. Der Monolog „Die schwarze Flotte“ benutzt Material des journalis­tischen Recherchezentrums „Correctiv“. Über mehrere Monate haben die Journalisten untersucht, wie der Menschenschmuggel über das Mittelmeer funktioniert, entstanden ist eine facetten- und detail­reiche Tiefenrecherche. Das Geschäft mit den Geflüchteten, die mehrere tausend Euro für den Platz auf einem schrottreifen Laster zahlen, um von der Türkei an die italienische Küste überzusetzen, ist für die Schmuggelware Mensch lebensgefährlich, für die Reeder ist es lukrativ. Die Schiffe dieser „schwarzen Flotte“ sind Teil einer illegalen Infrastruktur, die Menschen, Waffen oder Drogen zwischen Schwarzem Meer, Mittelmeer und den afrikanischen Ostküsten transportiert.
Explodieren und verschwimmen in ­Voges „Borderline Prozession“ die Nachrichtenbilder zu einem Dauer­rauschen, hält er hier den Nachrichtenfluss an, um mit Mitteln des Theater Konzentration herzustellen. Was in den Medien nicht viel mehr als eine routiniert zur Kenntnis genommene Meldung ist, wird im Monolog des Schauspielers Andreas Beck zu einer vielschichtigen Gegenwartsbefragung, zum Versuch, die Wirklichkeit hinter den Bildern zu fassen zu bekommen und aus den ­Informationspixeln zu befreien.

Berliner Ensemble Kleines Haus, Fr 27., Sa 28.10., 20 Uhr, Eintritt 18 – 24 €

Mehr über Cookies erfahren