Theater

„Die Sorgen und die Macht“ am Deutschen Theater

DieSorgenUndDieMachtZur Spielzeiteröffnung unternimmt das Deutsche Theater einen Ausflug in die Theatergeschichte. In den DT-Kammerspielen inszenieren Jürgen Kuttner und Tom Kühnel „Die Sorgen und die Macht“ von Peter Hacks, geschrieben vor einem halben Jahrhundert, am DT 1962 aufgeführt und auf Druck der SED schnell wieder abgesetzt. Halb Utopie-seliges Märchen, halb sozialistisches Produktionsstück. Die Planerfüllung in der Brikett-Fabrik „Roter Hammer“ geht auf Kosten der Qualität, was den Maschinen der benachbarten Glasfabrik nicht gut bekommt. Und weil sich der Brikett-Brigadier Max Fidorra (nicht ganz uneitel dampfende Männlichkeit: Felix Goeser) in die Glasfabrik-Werktätige Hede Stoll (Susanne Wolff) verliebt, geht die Qualitätssteigerung in der Brikett-Fabrik ihren sozialistischen Gang. Interessiert das heute außer Hacks-Verehrern und verwirrten Ostalgikern noch irgendjemand?
Kuttner und Kühnel gelingt das Kunststück, Hacks gleichzeitig ernst zu nehmen und im fröhlichen Kabarett zu entsorgen. Sie inszenieren nicht Hacks Stück, sie inszenieren mit ihrem Abend „über die Zukunft von gestern“ den historischen Abstand zwischen den Utopien von damals und einer ausgenüchterten Gegenwart. So schaut man aus sehr großer Ferne auf die Helden der Arbeiterklasse. Gleichzeitig inszeniert das Regie-Duo das schräge Selbstbild, das Hacks von sich selbst als Zonen-Goethe entworfen hat. Weite Strecken der Inszenierung spielen im nachgebauten Juno-Zimmer aus Goethes Haus am Frauenplan (Bühne: Jo Schramm). In so edler Umgebung können die Proleten dann nur wie der Schmutz des noch nicht ganz utopietauglichen realsozialistischen Kombinats-Alltags wirken. Die Kohlekumpel donnern dann auch prompt ihre Briketts aufs Parkett. Von solch lustigen Crashs der Theaterkulturen lebt die Inszenierung. Plötzlich verwandeln sich die Proletenbräute in kultivierte Damen mit wehenden Gewändern und rezitieren aus Hacks geschliffener Polemik gegen die Barbareien des Regie-Theaters. Mal verwandeln die Darsteller mit Lust an der Klamotte die Szenen in der Kneipe oder im Büro der Werksleitung in grob geschnitztes Arbeiter- und Bauerntheater und Jürgen Kuttner gibt einen gekonnt schmierigen Confйrencier. Peinlichkeit kennt keine Grenzen in dieser Ideologie-vernichtenden Party mit lustigen Gastauftritten von Frank Schirrmacher bis Wolf Biermann und Marcel Reich-Ranicki.     

Text: Peter Laudenbach


tip-Bewertung: Annehmbar

 

Die Sorgen und die Macht?
DT-Kammerspiele, 25.9., 3.10., 16.10., 20 Uhr

 

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