Historiengemälde

„Die Verdammten“ am Berliner Ensemble

Nazis, Krupps und andere Perverse: David Bösch stellt Luchino Viscontis „Die Verdammten“ nach

Foto: Matthias Horn

Nazis haben Konjunktur am deutschen Stadttheater. Im redlichen Bemühen, auf die Wahlerfolge der AfD zu reagieren, holen viele Bühnen die Hakenkreuzflaggen aus dem Fundus. Vor lauter berechtigtem Anliegen und dem theaterüblichen Hang zu Querverschaltungen von Gegenwart mit Geschichte, Pathos-Effekten und Dramatisierungen auf Kosten eines halbwegs nüchternen Blicks geht dann leider öfter so einiges durcheinander.

Ein besonders albernes Beispiel für Nazi-Trash ist dem Berliner Ensemble mit einer hölzernen Adaption des seinerseits nicht eben mit diagnostischer Klarsicht gesegneten Visconti-Films „Die Verdammten“ gelungen. Der Film von 1969 breitet die innerfamiliären Machtkämpfe im Großindustriellen-Clan von Essenbeck aus, der nach anfänglichem Zögern 1933 mit dem Hitler-Regime paktiert. Luchino Visconti erzählt das, wie er all seine Filme erzählt, als große Oper. Die Regie schwelgt in den großbürgerlichen Interieurs so genussvoll wie in den sexuellen Perversionen; ein SS-Obersturmbannführer zieht als ein Genie des Bösen die Intrigen-Strippen, und am Ende könnte man glauben, Familie Krupp sei das erste Opfer der Nazis gewesen. Gewinnt der Film seinen morbiden Reiz aus der Starbesetzung und der schwülstig ausgestellten Faszination für schneidig dämonische SS-Uniformträger und verkommene Rüstungsmagnaten, bleibt davon am Berliner Ensemble in David Böschs Inszenierung nur bemühter Schulfunk übrig: Schaut her, liebe Kinder, so ruchlos geht es zu im Villenviertel.

Die Aufführung hakt jeden Intrigenschachzug ab, ohne dass erzählerischer Sog aufkommen würde oder die Figuren jenseits der Oberfläche Kontur entwickeln könnten. Uniform, Diva-Abendgarderobe, besser oder schlechter sitzende Anzüge müssen zu Charakterzeichnung genügen. Nicht einmal als didaktisch aufbereitete Unterrichtseinheit zur jüngeren deutschen Geschichte funktioniert der Abend: weder über die Verbandelungen der deutschen Industrie mit den Nationalsozialisten noch über die Rolle des Krupp-Konzerns im Dritten Reich erfährt man Näheres. Die historische Folie ist nicht mehr als eine Reizverstärker-Kulisse zum Treiben des Ruhrbaron-Denverclans.

Von Viscontis Schaureizen ist auf der BE-Bühne nur ein einsamer Kronleuchter übrig geblieben, der über der langen, festlich gedeckten Tafel baumelt (Bühnenbild: Patrick Bannwart). Je stärker im Verlauf des Abends die familiäre Ordnung aus den Fugen gerät, desto weniger bleibt in überdeutlicher Symbolik auch von der Tischordnung übrig. Zu Beginn thront Familienpatriarch Joachim von Essenbeck (Wolfgang Michael) noch im Zweireiher am Ende der Tafel und verlangt das pünktliche Erscheinen der Sippe zu seiner Geburtstagsfeier. Kein Wunder, dass der knorrige Konservative, der die Nazis schon aus Standesgründen verachtet, das erste Mordopfer des Abends wird.

Martin Rentzsch macht es sich als SS-Sturmbannführer von Aschenbach in seiner Rolle so gemütlich als wären wir in einem Historiendrama von Guido Knopp. Unwillkürlich fürchtet man bei seinem Anblick, das sei der Traum jedes deutschen Stadttheaterchargen: Einmal den eleganten SS-Mann mit überlegener Kälte ausstatten! Peter Moltzen sorgt für unfreiwillige Komik, wenn er seinem Karrieristen Friedrich Bruckmann vor den aufstiegsnotwendigen Morden mit Hamlet-Zitaten an der Rampe als skrupulösen Zauderer veredelt. Einzig Corinna Kirchoff gelingt als Bruckmanns Geliebte Sophie so etwas wie eine Figur – kalt wie die Tiefkühltruhe im Führerbunker, hart wie Kruppstahl und elegant wie Zarah Leander an besseren Tagen.

Termine: Berliner Ensemble Karten 13 – 42 €

Mehr über Cookies erfahren