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„Die vier Himmelsrichtungen“ im Deutschen Theater

VierhimmelsrichtungenEin Mann hat einen Unfall mit seinem Lastwagen. Als er aus der Fahrerkabine aussteigt und seine Fracht, Hunderte von Kartons mit Luftballons, auf der Straße sieht, geht er einfach weg. Weg vom Lastwagen, weg von den Kartons, weg aus seinem alten Leben. Ein anderer Mann, der in seinem einsamen Arbeitslosenleben an einen Endpunkt gekommen ist, findet die Kartons und trägt sie alle, Stück für Stück, in seine kleine Wohnung. Die Luftballons sind sein neues Leben. Er steht von nun an damit auf Jahrmärkten und bindet sie zu den abenteuerlichsten Gebilden: Tiere aus Luft und Gummi, mit langen Hälsen, dicken Bäuchen, kurzen oder langen Beinen. Alles könnte in diesem Spiel mit der Kontingenz immer auch ganz anders sein. Aus dem bisschen Luft und Gummi, aus dem bisschen Leben kann alles Mögliche werden, eine kleine Handbewegung, eine winzige Abzweigung des Schicksals genügt, und plötzlich ändert das Leben die Richtung.

Und die alte Biografie, die alte Identität ist nur noch eine von vielen Möglichkeiten. Diese Versuchsandordnung, mit der Roland Schimmelpfennig in seinem Stück „Die vier Himmelsrichtungen“ die beiden Männer und zwei Frauen, eine junge, die ahnt, dass sie bald sterben wird, und eine ältere, die vom Leben nicht mehr viel erwartet, aufeinandertreffen lässt, ist simpel, aber wirkungsvoll: das Leben, ein Spiel. Oder, mit dem Titel des Romans eines ähnlich ins Spiel mit der Fiktion vernarrten Autors: ein Schloss, in dem sich die Schicksale kreuzen. Wobei Schicksal für Schimmelpfennigs Kunst der Beiläufigkeit ein viel zu gewichtiges Wort und das Existenz-Schloss, das er für seine Figuren bereithält, eher schäbig und zugig ist.

VierhimmelsrichtungenObwohl der Tod immer wieder als Leitmotiv durchschimmert, obwohl einer der beiden Männer am Ende tot ist, aus Versehen im Streit um nichts vom anderen erschlagen, behält der schön unaufgeregte Tonfall des Antitragikers Schimmelpfennig die Leichtigkeit des Spiels bei. Trotz einigem etwas zu poesie- und bedeutungsseligen Raunen, vor allen in den Textpassagen der älteren Frau, die die Zukunft vorhersagen kann und auch sonst einen leichten Hau ins Esoterische pflegt, kommt das Stück schön unverschmockt daher. Weil das alles eher erzählt und erinnert als gelebt und szenisch belegt wird, weil Schimmelpfennig durch die Zeit vor- und zurückspringt, entsteht eine Art Erinnerungs- und Lebensmöglichkeitslabor, in dem selbst der Tod nicht viel mehr als ein Spielzug ist. Dass man Schimmelpfennigs angenehm uneitler, unprätentiöser Inszenierung auf der weitgehend leeren, die Brecht-Gardine auf halber Bühnenhöhe zitierenden Bühne von Johannes Schütz gerne zusieht, dass das Spiel mit den Existenzmöglichkeiten nicht zu sehr ins Flache, Zufällig-Beliebige wegtrudelt, liegt vor allem an den vier wunderbaren und in ihrem Spiel in jedem Augenblick wachen und einfach intelligenten, unverschwitzten, nuancenfeinen Schauspielern.

Sagt Schimmelpfennigs Text, dass alles, das ganze Leben nur ein Spiel der Zufälle ist, drehen diese Schauspieler das um: Das ist vielleicht nur ein Spiel, aber im Augenblick des Spiels ist es auch die einzige, die ganze Wirklichkeit ihrer Figuren. Genau das macht ihre Gefühle, bei aller Leichtigkeit sowohl ihres Spiels wie der gesamten Versuchsanordnung, dann wieder sehr verbindlich. Das Begehren, mit dem sich der zum Kriminellen gewordene Fernfahrer (Andreas Döhler) in die Liebe zu der jungen Frau (die tolle Kathleen Morgeneyer, die aus jeder ihrer Rollen ein Ereignis macht) stürzt, ist nicht ironisch, sondern dringlich, animalisch und nicht verhandelbar. Die Melancholie des einsamen Luftballonhändlers (komisch und immer wieder berührend: UIrich Matthes), mit der er sich in die gleiche Frau unglückselig verliebt, ist kein Witz, sondern nüchtern gezeigte Existenzverlorenheit. Der klare Blick der älteren Frau (Almut Zilcher), die ahnt, dass sie ihren Geliebten verlieren wird, ist verzweifelt, kein bloßes Kokettieren mit dem Schicksal. Schöner Abend.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Sehenswert

Termine: Die vier Himmelsrichtungen
im Deutschen Theater

Karten-Tel.: 28 44 12 21

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