Theater

„Die Weber“ im Deutschen Theater

DieWeberDiese Inszenierung ist eine Zumutung. 100 Minuten lang wird man von der Bühne aus mehr oder weniger frontal angeschrien. Gesprochen und gebrüllt wird ein kaum verständlicher Dialekt, eine Art verstümmeltes Kunst-Schlesisch. Stoischer Kommentar eines alten Proleten, „Nu, jaja, nu, nee nee.“ Auch sonst kommen Ästheten nicht auf ihre Kosten. Differenzierte Charakterzeichnung und feinsinnige Psychologie sind nicht gerade das Hauptinteresse der Darsteller. Stattdessen: Elendsfiguren wie ausgestanzt, klar nur in ihrem dumpfen Hass. So schroff und unmissverständlich wie das Spiel ist das symbolschwere Bühnenbild (Olaf Altmann): Eine steile Treppe, unten die absturzgefährdeten Proleten, oben die Unternehmer und ihre Helfer wie aus dem Agitprop-Comic. Subtil oder elegant ist hier gar nichts.

Ironie, Sentimentalität, Sozialkitsch, die üblichen Weichzeichner-, mit denen sich das Theater die härteren Stoffe gerne auf Abstand hält, sind hier überflüssig. Stattdessen: Eine schroffe Ansage. Ein Blick dahin, wo es wehtut. Michael Thalheimers Inszenierung der „Weber“ am Deutschen Theater verdichtet Gerhart Hauptmanns soziales Drama vom Hungeraufstand schlesischer Weber, geschrieben 1892, auf den Kern. Kein Milieunaturalismus, keine pittoresken Elendsillustrationen, keine gemütliche Nostalgie angesichts der schlechten alten Zeit, sondern: Eine Kampfansage. Die von der obrigkeitsstaatlichen Zensur nur als geschlossene Vorstellung genehmigte Uraufführung muss 1893 ein Schock gewesen sein: Der Einbruch des Lumpenproletariats ins gutbürgerliche Theater. Thalheimers so wenig feinsinnige, gegenüber dem Zuschauer so dezidiert unhöfliche Inszenierung kommt diesem Schock ziemlich nahe. 

Es ist eine Inszenierung, die so genau hinsieht, dass sie auf sinnstiftendes Beiwerk und Ideologie-Schaum verzichten kann. Die beiden Anführer der Unterschichts-Revolte, der Weber Bäcker (Peter Moltzen) und der entlassene Soldat Jäger (hart, kantig, ein Kraftzentrum der Aufführung: Norman Hacker) sind keine romantisch von Edelmut triefende Revolutionsjünglinge, sondern blind in ihrer Wut, eher dumpf-kaputte Aggro-Typen als ideologisch gefestigte Weltverbesserer. Ob sie ein paar Generationen später, in der Wirtschaftskrise der Weimarer Republik, eher unter roten oder braunen Fahnen marschiert wären, ist eine durchaus offene und eigentlich kaum zu übersehende Frage. Auch das macht diese Inszenierung – anders als den üblichen Brecht-Kitsch am BE mit seinen kuscheligen Proleten und edlen Kommunisten – so klug und ungemütlich.

DieWeberIdentifikationsfiguren hat Thalheimer ehrlicherweise nicht im Angebot. Hier ist die Unterschicht nicht lieb und nett und ein Fall für Sozialpädagogen, sondern geladen und mürrisch wie die Assis in Sidos „Block“. Als Besserverdiener im Zuschauerraum muss man mit diesen Leuten gleichzeitig Mitleid und latente Furcht vor ihnen haben: Wenn sie wütend werden, demolieren sie uns unsere Eigenheime. Wer ausgerechnet angesichts des Irritationspotentials dieser klugen, entschiedenen Inszenierung vorwirft, sie sei unpolitisch, weil das Lösungsangebot, die ideologisch korrekte Didaktik, kurz: das Positive fehle, hat sowohl vom Theater wie von Gesellschaft bemitleidenswert naive Vorstellungen. Die Weber-Elendsgestalten wie der alte Baumert und seine Frau (Sven Lehmann und Katrin Wichmann): Keine Heroen des Klassenkampfes, sondern von Armut, Arbeit, Chancenlosigkeit zerfressene Verlierer, hart, bitter und illusionslos geworden in den Jahrzehnten überm Webstuhl. Die Kontrastfigur, den Stoff-Unternehmer Dreißiger, zeichnet Ingo Hülsmann als eitlen Herrenreiter, arg nah am Klischee, eher eine Witzfigur als ein echter Gegner. Trotzdem, falls hier irgendjemand so etwas wie „Werktreue“ einklagen möchte: Treuer als Thalheimer gegenüber dem Werk und seiner Substanz, auch gegenüber seiner Ausnahmestellung in der deutschen Dramenliteratur verfährt, geht es nicht. Gerade indem Thalheimer die fünf Akte auf anderthalb Stunden konzentriert, das Stück nicht in allen Verästelungen erzählt, sondern jeden Akt auf eine Szene, ein Bild verdichtet, wird er ihm gerecht. Das gilt erst recht für den dumpfen Überdruck, unter den er all seine Figuren setzt und für die Ausweglosigkeit der am Ende natürlich verpuffenden Revolte.  Eine Inszenierung wie ein Schlag ins Gesicht.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Sehenswert

Die Weber Deutsches Theater, Do 3.2., 20 Uhr, So 20.2., 19 Uhr

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