Theater

„Die Wohlgesinnten“ im Maxim Gorki Theater

DieWohlgesinntenIm September 1941 ermordete die SS in nur zwei Tagen 33?771 Kiewer Juden. Das Massaker gilt als Auftakt zur planmäßigen Vernichtung der europäischen Juden. Detailliert schildert der 1967 geborene Amerikaner Jonathan Littell in seinem 1?400 Seiten dicken Roman „Die Wohlgesinnten“ dieses Kriegsverbrechen. Er erzählt aus der Sicht des gebildeten SS-Offiziers Max Aue vom Blutrausch des Krieges, aber auch von Aues familiären Verstrickungen im Stil der Atridensage. Massenmorde und singuläre Quälereien, bürokratische Querelen und sexuelle Fantasien stehen bei Ich-Erzähler Aue für den zur Täteridentifikation genötigten Leser nur schwer erträglich nebeneinander. Aber vielleicht ist Penetranz nicht die schlechteste Antwort, die Literatur auf das Ungeheuerliche geben kann.
Gorki-Intendant Armin Petras hat aus dem Prosastrom einen knappen Vierakter destilliert, der die wichtigsten Romanstationen aufgreift und als Partitur für eine Art Todesfuge dient. Der riesige Spiegel, den Bühnenbildner Olaf Altmann dem Publikum vor die Nase gestellt hat, zeigt Peter Kurth, der zum Auftakt als alter Max Aue vom Rang aus trocken klarstellt: „Ihr seid nicht besser als ich.“

Dann erzählen die Schauspieler Anja Schneider, Cristin König, Thomas Lawinky, Max Simonischek und Aenne Schwarz als Chor und in schnell wechselnden Rollen von der „Leichtigkeit des Tötens und der Schwierigkeit, mit der gestorben wird“, von auftauenden Leichen in Massengräbern und erschlagenen Säuglingen. Doch Petras lässt dem Grauen wenig Wirkungsraum. Stattdessen setzt er auf eine diffuse Steigerung, die sich aus dem Fundus schon etwas abgegriffener Regieeinfälle speist. Die Mädels headbangen pathetisch zum Judenmord, die Cellistin Anne-Christine Schwarz steuert dunkle Töne bei, Thomas Lawinky zerrt sich die Gedärme wollknäuelweise aus dem Leib, im Kriegswinter regnet melancholisch Konfetti herab, Max Simonischeks junger Aue zuckt als gehakenkreuzigter Jesus unterm Spiegel und irgendwer zückt auch noch die Kamera und überblendet die Bühne mit Close-ups. Doch damit dringt das Theater nicht zum Kern des Monströsen vor – im Gegenteil, es ergreift die Flucht.

Text: Eva Behrendt

Foto:Bettina Stoess

tip-Bewertung: Zwiespältig

Die Wohlgesinnten
Maxim Gorki Theater, Sa 15.10.,
Fr 21.10., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 20 22 11 15

ARMIN PETRAS IM GESPRÄCH

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