Theater

Dirigent Michael Betzner-Brandt im Gespräch

Chor_Berlintip: Ist Ihr „Ich-kann-nicht-singen-Chor“ im Radialsystem eine Feier des Dilettantismus?

Michael Betzner-Brandt: Nein. Eigentlich  müsste der Titel lauten: „Ich glaube, dass ich nicht singen kann, singe aber eigentlich gerne.“ Wir singen ohne Text und Noten. Es geht nicht um Lieder, die man können oder nicht können kann. Wir erfinden kleine Textpassagen (singt): Heute tanzt mein Ohrwurm, zum Ich-kann-nicht-singen-Chor rum. So in der Art (lacht). Das Ziel ist, dass man spürt, wie schön das Singen ist, wie das vibriert im Körper. Wir bieten das einmal im Monat im Radialsystem an.

tip: Begegnen Ihnen so viele Menschen mit Gesangshemmschwelle?

Betzner-Brandt: Ja, immer wieder. In meinen Rock-Pop-Chor „High fossility“ für Menschen über 60 kommen viele Leute, die 50 Jahre nicht gesungen haben. Oft ist es in der Schule zu Situationen gekommen, wo ein Lehrer oder Mitschüler den Mund verzogen und das Gefühl vermittelt hat: Besser, wenn du nicht mitsingst! Der kleinste Anlass kann genügen, schon ist für Jahrzehnte Sendepause.

tip: Sie sind Dozent für Chorleitung in Leipzig und an der UdK – schmerzen Sie die schiefen Töne nicht?

Betzner-Brandt: Kommt darauf an, wie man schief definiert. Wenn Leute authentisch singen und es sozusagen emotional stimmt, dann ist es fast egal, in welcher Klangfarbe oder Intonation das passiert. Vor diesem Hintergrund ist das Motto des Ich-kann-nicht-singen-Chors auch eher Persönlichkeit als Perfektion.

tip: Das Singen boomt in Deutschland, allein in Berlin gibt es an die 2000 Chöre. Woher rührt diese Popularität?

Betzner-Brandt: Als wir im Rahmen des [email protected] den Ich-kann-nicht-singen-Chor erstmals angeboten haben, kamen 350 Leute, ich hatte mit 20 gerechnet. Aber was diesen Boom ausgelöst hat, darüber kann ich nur spekulieren. Natürlich war das Singen in Deutschland nach der Nazizeit lange verpönt, da ist mittlerweile sicherlich ein Knoten aufgegangen, man muss nicht mehr fürchten, dass es ideologisch instrumentalisiert wird. Es gibt vor allem im Jazz- und Popbereich eine sehr vitale Szene als Motor. Es ist einfach eine wunderbare Sache, die man mit Hunderten Menschen zusammen, nicht gegeneinander machen kann. In welchem Bereich gibt es das sonst?

Interview: Patrick Wildermann

Foto: Alexander Zuckrow

Ich-kann-nicht-singen-Chor Radialsystem, So, 22. Mai, 11 Uhr

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