Theater

Dirk Cieslak über die Zukunft der Vierten Welt

Dirk_Cieslak_c_DennisDanielHerr Cieslak, die Jury für Freie Gruppen hat der Vierten Welt die Fortführung der Basisförderung verweigert. Wissen Sie, weshalb die Jury die Vierte Welt für verzichtbar hält?
Was die Jury-Entscheidung letztlich motiviert hat, darüber kann man nur spekulieren. Ich kann nur sagen, dass wir nicht einmal angehört wurden. Wir haben um ein Gespräch gebeten, dazu waren die Jury-Mitglieder nicht bereit. Wenn eine Vergabe-Jury erwägt, einen Produktions- und Spielort wie die Vierte Welt und die Arbeit einer Gruppe wie Lubricat, die es seit 25 Jahren gibt und die seit zehn Jahren in dieser Stadt mit Bundes- und Landesmitteln gefördert wird, infrage zu stellen und dieser Arbeit die finanzielle Basis zu entziehen, wäre es ihre Aufgabe, zumindest mit den Beteiligten zu sprechen und sich ihre Argumente anzuhören. Das ist nicht geschehen. Es geht mir nicht nur um minimale Formen des höflichen, demokratischen Umgangs miteinander. Der entscheidende Punkt ist die völlige Ignoranz der Jury, die Nichtauseinandersetzung mit dem, was wir hier in der Vierten Welt tun. Wir versuchen eine neue Form von Produktionsraum zu etablieren, in dem Theater und Performancekunst auf Politik, Aktivismus und kritische Theorie treffen. Das wollen wir für Theater produktiv machen, um über gängige Vorstellungen von politischem Theater hinauszukommen.

War das der Jury zu kompliziert?
Das weiß ich nicht. Offenbar hat das zuständige Jurymitglied unseren politischen Ansatz, uns gegen den herrschenden Verwertungsdruck im Freien Theater zu wenden, von Anfang an als verwerflich angesehen. In seinen Augen war das Hybris.

Ihre Bühne hat ihre Räume im Hochhaus am Kottbusser Tor, dem Neuen Kreuzberger Zentrum. Wäre es der Jury, gut sozialdemokratisch, lieber, wenn Sie den Problemkiez mit Soziokultur beglücken, statt sich avancierter Theorie zu widmen?

Vermutlich. Es gibt den Vorwurf, dass wir uns hier nicht genug integrieren würden und nicht soziokulturell tätig seien. Aber wir sehen unsere Nachbarn natürlich nicht als die soziokulturell zu Kolonialisierenden. Wir glauben an die Heterotopie des Stadtraums, an die Differenz. Wir glauben nicht an Kultur-Kolonialismus, sondern an gute Nachbarschaft, an ein offenes Nebeneinander mit all den anderen Leuten hier im Block, von denen viele komplett andere Leben führen als wir. Wir haben ein großes Projekt gemacht, mit dem wir uns politisch mit diesem Haus auseinandergesetzt haben, aber eben auf unsere Weise – und nicht sozialpädagogisch oder milieu-voyeuristisch. Wir sind ja nicht zufällig, sondern ganz bewusst an diesem Ort der gestrandeten Utopie der modernen Stadt.

Wie geht Ihr Kampf um die Zukunft der Vierten Welt weiter?
Wir erfahren derzeit sehr viel Solidarität von den unterschiedlichsten Seiten. Die Vierte Welt ist eine Arbeitsplattform für viele Künstler geworden. Wir sind im Gespräch mit dem Bezirk. Und wir haben um ein Gespräch mit Kulturstaatssekretär Tim Renner gebeten.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Dennis Daniel

www.viertewelt.de

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