Theater

Dirk Cieslak und Lubricat im Ballhaus Ost

Lubricat_Goldener-Boden

Der Gorilla, der in der leer geräumten Altbauwohnung in der Ecke vor sich hinträumt, schaut etwas ratlos. Kein Wunder, denn vor ihm erklärt gerade ein energischer älterer Herr, was das Alte Testament und das Schreinerhandwerk miteinander zu tun haben. chließlich hatte der Schöpfer damals laut Moses sehr präzise Vorstellungen davon, was seine Leute für ihn tun könnten, als sie ihm den ersten Tempel bauten: „Macht einen Tisch aus Akazienholz, vier Ellen lang.“ Und das, kleine Botschaft für den Gorilla, ist eben der Unterschied: Menschen haben nicht nur Götter, sie haben auch Handwerkszeug und können sich damit Tische aus Akazienholz oder sonstwas bauen und notfalls ihre Kreuzberger Altbauwohnungen aufs Schönste renovieren. Womit schon in den ersten Minuten von Dirk Cieslaks Inszenierung „Goldener Boden“ im Ballhaus Ost gleich mal die ganze Menschheitsgeschichte samt ihrer tierischen Vorfahren und Gottes Wort aufgetaucht wären – lieber ein großer Rahmen als gar keiner. Dabei geht es an dem Abend um etwas denkbar Konkretes: Handwerk.

Lubricat_Goldener-BodenUnd weil Künstler davon nicht unbedingt besonders viel verstehen, stehen neben zwei Schauspielern vier Handwerkprofis auf der Bühne, die wie bei Rimini Protokoll als Spezialisten des Lebens die Wirklichkeit ins Theater holen. Reimund Crüger zum Beispiel, der Mann, der den Gorilla mit dem Alten Testament verblüffte, ist wirklich Tischler, ne­benbei studiert er Theologie, schließlich hängt ja, siehe Eingangsszene, das alles irgendwie miteinander zusammen. Wenn Crüger einen schönen Schrank gebaut hat und der Kunde sich da­ran freut, bekommt der Tischler „ein erhabenes Gefühl“ und verwechselt sich für einen kurzen Augenblick mit Gott: „Und er sah, dass es gut war.“ So nüchtern und stolz, wie er das erzählt, kommt man sich als moderner Mensch, der sich seine Schränke bei Ikea oder Hülsta bestellt, dann plötzlich etwas verkümmert vor. „Auch der Dachstuhl ist eine Errungenschaft der Zivilisation“, erklärt Hermann Strohm, ein knarziger Zimmermann aus dem Schwäbischen, als würde ihn eine direkte Linie mit seinen Kollegen aus der Antike verbinden.

Bevor das alles in den Manufactum-Kitsch und eine reaktionäre Sehnsucht nach dem vorindustrielle Idyll abrutscht, sorgen die Schauspieler für nüchterne Ironie. Zum Beispiel, wenn Armin Dallapiccola als Arbeitsamtsberater einer Weberin (Kristina Brons) rät, zur Animateurin umzuschulen, so ein Webstuhl würde sich doch sicher gut in einer Club- Med-Anlage machen. So viel zur Entwertung der handwerklichen Arbeit: Sie ist hier nur noch zu Showzwecken rentabel.

auch degenerierte Mitte-Yuppies haben ab und zu Sehnsucht nach dem Echten. Armin Dallapiccolla spielt so einen Snob, der sich einen alten Ziegelstein auf das Teak­holz­side­board seiner Designerwohnung stellt und entrückt schwärmt: „Er hat eine Aura, der spricht.“ Sehr komisch. Handwerk mag eine Kunst sein und seine Verbindungen zur Kunst haben („eine Kreissäge macht eine bestimmte Art von Musik …“). Aber diese intelligente, ziemlich komische Inszenierung verklärt das Handwerk nicht, sondern umkreist es aus den unterschiedlichs­ten Perspektiven – notfalls in der Trash-Variante. O-Ton Armin Dallapiccola: „Wenn ich an Handwerker denke, denke ich eigentlich immer nur an die Rahmenhandlung von Pornofilmen, wenn der Handwerker an der Tür klingelt und eine spärlich bekleidete Blondine öffnet.“

Text: Peter Laudenbach

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