Theater

Dominique Horwitz singt „Brel“ im Tipi

Dominique_HorwitzÜber Jacques Brel, den Belgier mit der unvergleichlichen Flachland-Melancholie, glaubt man ja nun wirklich alles gehört zu haben. Von ihm sowieso. Jeder Exzess auf und abseits der Bühne ist durchleuchtet, jeder seiner selbstverschwendungs- süchtigen Chansons („Amsterdam“!) ist schon hundertfach gecovert worden. Denkste! Der Schauspieler und Sänger Dominique Horwitz, der sich schon seit den 80er-Jahren aufs Schönste an den Liedern des großen Kettenrauchers reibt und als einer seiner begabtesten Interpreten gilt, hat tatsächlich absolut Neues zu bieten: Lieder, die Brel selbst nie aufgeführt hat, und die erst vor Kurzem von der Brel-Foundation nachgelassen wurden. Chansons wie „La ­cathйdrale“, „Sans exigences“ und „L’amour est mort“ erleben in Horwitz’ jüngstem Brel-Programm ihre Bühnenpremiere.
Hier beschreibt der Künstler, wie es zu seinem
ersten Brel-Programm kam.

1983. Nach fünf Jahren auf zwar schönen, aber kleinen Bühnen, bin ich endlich an einem großen Theater engagiert worden. Nach München. Vielleicht werde ich dort mit Peter Zadek arbeiten? Das gesamte, neu zusammengestellte Ensemble soll sich nun der staunenden Weltöffentlichkeit vorstellen. Ein großes Fest. Jeder kann etwas zum Besten geben. Jeder muss etwas zum Besten geben. Direkt nach den Sommerferien. Auf nüchternen Magen, quasi! Ich kann nichts, weiß nichts, bin nichts. Soll denn jeder meiner öffentlichen Hinrichtung beiwohnen dürfen? Auch noch gratis! Ich bin verzweifelt. Alle großen Mimen werden ihren fulminanten Umgang mit der deutschen Sprache zelebrieren, die jüngeren ­Kollegen werden, gnadenlos, in grandiosen Improvisationen brillieren?– und ich? Und ich?! Ein gewisser Tobias Moretti aus Tirol soll sich schon in die Herzen der Dramaturgie-Abteilung geschmäht haben, er soll eminent musikalisch sein! Herzlichen Dank.

Ich komme vom Kabarett, verdammt. Und vom Tübinger Zimmertheater. Mir wird doch etwas einfallen. Jetzt hab’ ich’s! Ich singe vier Jacques-Brel-Lieder. Das hat Schmiss, sollen doch meinetwegen die anderen um die Wette knattern. Ich jedenfalls bin gerettet: laut und schnell sprechen, das kann ich, singen auch. Der Haus-Musikus arrangiert, es wird ganz wenig probiert (keine Zeit, die ernsthaften Proben laufen schon), der Termin naht, er ist da, ich singe (scheiß auf Moretti) – und die Leute mögen es. Ich kann es kaum glauben. Ich bin anscheinend auf etwas gestoßen, das mir liegt. Die Direktion bietet mir an, einen ganzen Brel-Abend zu gestallten. Okay, mach ich. Wenn’s schon einmal geklappt hat! Ich denke nicht darüber nach, dass Brel der Größte ist, unerreichbar und unvergleichbar, dass man ihm nur mit Substanz und vollem Risiko gerecht wird. Ich bin jung und ungestüm. Die Kraft ersetzt den Verstand. Mittlerweile habe ich meinen dritten Brel-Abend produziert und bin mir heute (fast dreißig Jahre später), bei aller Gefühlstiefe, ziemlich sicher, dass ich mein bisschen Verstand nicht gegen die Kraft von einst eintauschen würde.

Foto: Dominique Horwitz

Dominique Horwitz: „Brel“
7.-24.4., 20 Uhr, Sonntags 19 Uhr,
im Tipi am Kanzleramt,
Tickets von 20,80 Ђ bis 39,50 Ђ (ermäßigt: 12,50 Ђ), Karten-Tel. 39 06 65 50

Zur Person:
Dominique Horwitz wurde am 23. April 1957 in Paris geboren und wuchs in Frankreich auf, bis die Familie Anfang der 70er-Jahre nach Berlin zog. Mit 19 Jahren stand er zum ersten Mal vor der Kamera, Ende der 70er wurde er Mitglied im Berliner Kabarett „CaDeWe“. Es folgten Theaterengagements, die ihn Anfang der 80er ans Bayerische Staatsschauspiel führten. Im Fernsehen machte ihn 1989 Dieter Wedels „Der große Bellheim“ berühmt, im Kino hatte spielte er u. a. 1992 die Hauptrolle in Joseph Vilsmaiers „Stalingrad“. Horwitz steht heute vor allem im Wiener Theater an der Josefstadt, an den Hamburger Kammerspielen und im Berliner Renaissance-Theater auf der Bühne, er führt auch selbst Regie. Daneben tritt er als Sänger mit dem Brecht-Weill-Programm „Best of Dreigroschenoper“ und seinen Brel-Abenden auf. Horwitz lebt mit seiner zweiten Frau und zwei Kindern in der Nähe von Weimar. Von ihm stammt das schöne Zitat: „Ich hatte nie Stress damit, dass ich Jude bin und nie Stress damit, dass ich abstehende Ohren habe“.

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