Theater

„Don Carlos“ am Deutschen Theater

Don Carlos

Stephan Kimmig unternimmt mit seiner Schiller-Inszenierung „Don Carlos“ am Deutschen Theater zweierlei: Er erzählt das thesenfreudige Stück vom spanischen Königshof zur Zeit der Inquisition, geschrieben kurz vor der Französischen Revolution, als spannenden Krimi der Gegenwart. Die Machtintrigen der zynismusgestählten Politik-Funktionäre mit eisernem Lächeln (großartig Barbara Schnitzler als Großinquisitor, eine Domina der katholischen Konterrevolution) können es jederzeit mit dem Washington von „House of Cards“ aufnehmen, samt Schillers Reflektionen über das Wesen politischer Macht.
Auch die Kurzschlüsse zwischen illegitimem erotischem Begehren (Don Carlos verzehrt sich nach seiner Stiefmutter, der Königin) und Politik funktionieren in Kimmigs straffer und spannender Inszenierung mit der Raffinesse einer sehr clever gebauten TV-Serie. Kein Wunder, dass sich die Hofleute, die Königsfamilie und die Verschwörer durch die Kulissenwände sachlicher Bürolandschaften bewegen wie auf einem Filmset (Bühne: Katja Haß). König Philipps Thron ist ein einfacher Bürostuhl. Philipp selbst, gespielt von einem hochkonzentrierten Ulrich Matthes, wirkt mit langen Haaren und Vollbart eher wie ein misstrauischer, kluger, etwas depressiver Milliardär als wie ein Militärdiktator.
Die zweite Geschichte, die Kimmig erzählt, ist älter. Sie handelt von den Religionskriegen eines voraufklärerischen, vorsäkularen Europas, von absolutistischen Herrschaftstechniken, die sich wenig von denen des „Islamischen Staats“ unterscheiden. Kimmig untersucht mit Schiller unsere barbarische Vergangenheit – und schließt sie beunruhigend mit einer modernen Polit-Business-Welt zusammen, in der Macht kühl verwaltet wird.
Don CarlosNeben Matthes als König hat die Inszenierung zwei schauspielerische Zentren: Kathleen Morgeneyer spielt die Intrigantin Eboli als Hysterikerin, die an ihrer unerwiderten Liebe zu Carlos kollabiert und diese Verletzung in die Härte ihrer Rache übersetzt. Wie Morgeneyer das macht, ist faszinierend: kraftvoll, überempfindlich, nah am Abgrund und gleichzeitig hochreflektiert. Andreas Döhler macht aus dem Revolutionär Posa eine fast proletarisch geerdete, sehr reale Figur, keinen trunkenen Idealist, sondern jemand, der die Verbrechen der Macht nicht mehr ertragen kann: Er denkt aus Notwehr, nicht um edle Schiller-Verse aneinanderzureihen. Und man kann ihm dabei zusehen, wie er sich durch seine Gedanken kämpft, die das Europa der Unterdrückung in die Luft jagen wollen.
Eine boulevardeske Kontrastfigur dazu ist der Jüngling Carlos. Der Hinweis im Programmheft, der historische Königssohn gelte als „zurückgeblieben und gestört“, wäre nicht unbedingt nötig gewesen. So wie Alexander Khuon den überdrehten Knaben spielt, ist das ohnehin klar. Der nicht besonders helle, aber gut durchtrainierte Narziss ist von den politischen und libidinösen Intrigen intellektuell hoffnungslos überfordert und rettet sich deshalb am liebsten in ein charmantes Breitwand-Grinsen, gerne auch in Richtung Publikum, wenn er sich nicht gerade cholerisch aufpumpt. Das ist zumindest ein origineller Ansatz, das gefürchtete Schiller-Pathos zu entsorgen: Der Königssohn Don Carlos ist hier kein rebellischer Idealist mit schwerem Vater-Konflikt, er ist nur ein harmloser, etwas zu eitler, etwas zu dummer Bubi. Auch solche Naivlinge gehören zu einem guten Politthriller.

Text: Peter Laudenbach

Fotos: Arno Declair

Don Carlos, Deutsches Theater Karten-Tel. 28 44 12 21

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