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„Don Giovanni“ mit Erwin Schrott an der Staatsoper

Erwin_SchrottFragt man den Opernsänger Erwin Schrott, wer in der Ehe mit Weltstar Anna Netrebko mehr Primadonnen-Allüren an den Tag lege – er oder sie?! –, so lächelt er mild und antwortet: „Ich bin die Diva!“ Bei diversen Absagen und Zickereien hinter den Kulissen war zugegebenermaßen meist der 39-jährige Schrott die Ursache. Und nicht die heute bekannteste Sängerin der Welt, die als zuverlässig und professionell geltende russische Supernova Anna Netrebko.
Das „Brangelina“-Paar der Klassik scheint sich in dieser Hinsicht allerdings inzwischen intern hochzuschaukeln. Beim neuen Berliner „Don Giovanni“, (ab Sonntag in der Staatsoper) sagte Anna Netrebko mit der Begründung ab, sie müsse sich mehr um den gemeinsamen Sohn Tiago Arua kümmern. Sprach’s und nahm kurz darauf ein lukratives Einspringer-Angebot als „Manon“ an der Mailänder Scala an. Für denselben Zeitraum! Erwin Schrott dagegen mag sich auf ein paar einsame Tage in Berlin freuen. Er singt ab Sonntag im neuen „Don Giovanni“ seine wohl beste Rolle überhaupt: den Leporello.

Der aus Montevideo stammende, in Wien wohnhafte Schrott hat sich in den letzten Jahren ohne Zweifel zu einem der besten Sänger seines Fachs entwickelt. Hinter eitler Fassade verfügt er über Realismus genug, um oft kleinere Rollen zu bevorzugen. Nicht Don Giovanni, obwohl er als solcher längst große Erfolge eingefahren hat. Sondern lieber Leporello. Nicht Mozarts Figaro (obwohl er den superb singt). Sondern eher den steifen, sängerisch weniger glamourösen Grafen.
Auch für Kenner der Szene besitzt der uruguayische Sänger eine der erotischsten Stimmen der letzten 50 Jahre. Von muskulös balzender Strahlkraft. Voll finsterem Aplomb und warm durchpulstem Machismo. Ganz in der Tradition eines italienischen Kavalierbaritons а la Cesare Siepi oder Ezio Pinza. Ein viriler, testosteronsatter Ganzkörper-Bariton mit nervös drohendem Unterton. Glänzend!

Das lässt sich bei Bühnenauftritten des Rampenspielers besser genießen als auf CDs. Nach einem voreiligen Debüt-Album bei der Decca wechselte Schrott hastig zur Sony, wo man ihn mit Tangos sogleich voll gegen die Wand laufen ließ. Auch sein neues Album „Arias“ verrät durch Überbuntheit, dass man nicht weiß, wohin mit ihm. Er selber auch nicht. Beim Studierzimmer-Monolog des Teufels aus Boitos „Mefistofele“ fragt man sich, ob dieser Mephisto ein eifersüchtiger Schwiegervater, ein intriganter Höfling oder ein Bierbrauer sein soll, der sich in der Tür geirrt hat. Wahrscheinlich alles zusammen. Dass Schrott lange nachgedacht hätte über das, was er hier singen soll, hält man jedenfalls nicht für möglich.

Auch mit seinem Image als Sexbombe der Zunft pflegt der sonst unprätentiöse Mann keinen ganz eindeutigen Umgang. „Ich bin doch nur der nett aussehende Junge von nebenan“, so Schrott wörtlich über den Grad seines Sexappeals. Freilich: Wenn man sich den Typus südamerikanischer Nachbarsjungen so vergegenwärtigt, bilden Schrotts wulstige Lippen, das bis zum Bauchnabel offen stehende Hemd über getrimmtem Brusthaar und ein trainierter Superbody, wie ihn das Opernpublikum nicht alle Tage erlebt, vielleicht keine Ausnahme. Auf Fotos lässt Schrott den Latin Lover jedenfalls dermaßen offensiv raushängen – mit Lipgloss auf den Schmollmund-Lippen! –, wie es Porträtfotos außerhalb der Zeitschrift „Playgirl“ nur eben zulassen. Ist Erwin Schrott doch nur ein weiterer Testosteronbomber frisch von der Sonnenbank des Lebens? Nein.
Dass er mehr kann, hat er gerade in Claus Guths Salzburger „Don Giovanni“ bewiesen, der jetzt nach Berlin importiert wird (weil die ursprünglich vorgesehene Scala-Koproduktion von Robert Carsen ins kleine Schiller Theater nicht passt). Als Leporello-Junkie mit Mütze, Augenringen und schweißnassem Muscleshirt ist er die richtige Mischung aus Borderline-Charakter und Hallodri. Wer übrigens den Trainings- und Eitelkeitswettstreit in puncto männlicher Muskel-Oberweite für sich entscheiden wird – ob Erwin Schrott selber oder sein gleichfalls pumpender Don-Giovanni-Kollege Christopher Maltman (in der Titelrolle) –, das ist noch durchaus offen. Der neue „Don Giovanni“ wird den definitiven Beweis liefern, dass die wahren Vanitas-Primadonnen heute im Bariton-Fach zu suchen sind. Idealmaße männlicher Gesangsgröße werden längst nicht mehr in Ton-, sondern in Brustumfang gemessen. 

Text: Kai Luehrs-Kaiser
Foto: Jason Bell


Don Giovanni
Staatsoper im Schiller Theater,
z.B. am So 24., Mi 27., Sa 30.6., Di 3., Fr 6.7., 19.00 Uhr,
Karten-Tel. 20 35 45 55

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